Die Globalisierung wackelt

Identität 14.09.2017
Lesezeit: 2 Minute(n)

Ein Gastbeitrag von Ian Bremmer, Politikwissenschaftler und Essayist für das Time Magazine

Die Schockwellen nach Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten sind noch immer spürbar. Die Globalisierung scheint mit seinem Amtsantritt ins Wanken geraten. Und wir müssen heute hoffen, dass sie das Jahr 2017 übersteht.

Ian Bremmer

Prof. Dr. Ian Bremmer ist Gründer und Präsident der Eurasia Group sowie Initiator des Global Political Risk Index (GPRI) an der Wall Street. © Foto: Dirk Eusterbrock

Amerika ist dabei, sich von seiner Führungsrolle zu verabschieden. Bis auf Weiteres leben wir in einer G-Zero-Welt, also einer Welt ohne «real global leadership». Das  ist mit der Globalisierung unvereinbar. Unterstützen können wir den Globalisierungsprozess nur, wenn ihre politischen Gegner nicht länger Mauern bauen, weder echte noch virtuelle.

Woher wir kommen

Der Widerstand gegen die Globalisierung hat mit Ungleichheit zu tun: ungleiche Repräsentation, ungleicher Wohlstand, ungleiche Chancen. Hinzu kommt eine Anti-Establishment-Haltung von Personengruppen, die durch die Globalisierung verloren haben: die Arbeiterklasse und der Mittelstand in den USA und in Europa. Sie fühlen sich nicht mehr als Teil des Mittelstands, wenn sie sich in ihrem Umfeld umsehen. Beides zusammen erklärt, wie der soziale Zusammenhalt so erodieren konnte.

Die Establishment-Politiker sind grandios gescheitert

Die richtige Antwort der Regierungen wäre es, den Gesellschaftsvertrag mit der Bevölkerung grundsätzlich zu prüfen. Das heisst: mehr Ausgaben in Infrastruktur und Bildung in traditionell zu schwach vertretenen Bereichen, das heisst aber auch mehr Leistungen und Unterstützung für Unterbeschäftigte sowie mehr Flexibilität in der Arbeitswelt. Tatsächlich fällt es den Globalisierungsbefürwortern heute schwer, sich in der Politik zu behaupten. Dass es Emmanuel Macron mit seinem Triumph über Marine Le Pen gelang, kann uns keine Sicherheit geben. Aussagen in der Art von «du willst nicht wissen, was passiert, wenn andere die Macht übernehmen» reichen ausserhalb Frankreichs vielleicht nicht.

Wohin wir gehen

Der unmittelbare Effekt: Der Nationalismus ist nach Europa zurückgekehrt. In Griechenland, Polen oder Ungarn zieht er sogar in die Regierung ein. Europa ist zu schnell zu gross geworden. An seinen Rändern fällt die Integration in «Kerneuropa» immer schwerer – sowohl in wirtschaftlicher, politischer als auch gesellschaftlicher Hinsicht. Hinzu kommen Spannungen mit Russland, der Türkei und dem Nahen Osten. Das alles ist Öl ins rhetorische Feuer der Populisten. Die EU fällt zwar nicht komplett auseinander, aber ist dabei zu bröckeln. Schlechte Nachrichten, wenn Sie europaphil sind, aber nicht die schlechteste Nachricht, wenn Sie die Globalisierung befürworten.

Für die Globalisierung ist die derzeitige EU mehr hinderlich als nützlich

Das soll nicht heissen, dass der gesellschaftliche Grundkonsens überall auf der Welt ins Stocken gerät. Viele asiatische Länder gehören zu den grössten Profiteuren der Globalisierung. Ob in China oder Japan: Keine dieser Gesellschaften hat auch nur annähernd die sozialen Probleme der westlichen Staaten. Doch die Anti-Establishment-Politik wird früher oder später auch auf die Schwellenländer übergreifen, da die westliche Technologie die Beschäftigung in den Schwellenländern aushöhlt. Dies wird die nächste Phase der Globalisierung − und sie kommt schon bald.

Auf kurze Sicht mag es hilfreich sein, Immigranten abzuwehren und einen Keil zwischen benachteiligte Schichten und den produktiven Teil der Bevölkerung zu treiben. Langfristig werden solche Entwicklungen die Welt zerstören. Das sollten wir im Auge behalten.
 

Über Prof. Dr. Ian Bremmer

Prof. Dr. Ian Bremmer ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler. Seine Spezialgebiete sind die Aussenpolitik, die Transformation von Staaten und globale politische Risiken. Er ist Gründer und Präsident der Eurasia Group und gefragter Kommentator und Bestseller-Autor.

Wer sind wir? Was macht uns aus? Die Frage nach unserer Identität bewegt die Gesellschaft. Antworten sucht die Kunst, die Wissenschaft, die Politik und jeder einzelne von uns. Der Gastbeitrag von Dr. Ian Bremmer ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das Thema Identität aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten. Wir publizieren sie hier als Teil unserer Serie «Impact».