London verbietet Autos für einen Tag. Warum nicht für immer?

Digitalisierung 04.11.2019
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Am 22. September waren viele Hauptstrassen der englischen Metropole für Autos gesperrt. Andere Städte haben bereits weitaus drastischere Massnahmen ergriffen - mit Erfolg

Seit Jahrzehnten versuchen Technologen, die Probleme mit unseren Autos zu lösen. Wir haben Elektroautos, autonome Autos und bald auch fliegende Autos - aber was ist, wenn das Beste, was wir mit den Fahrzeugen machen können, darin bestünde, sie komplett abzuschaffen?

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©WIRED

Städte auf der ganzen Welt haben diese Theorie in verschiedenen Formen getestet. New York war kürzlich die erste Stadt in den USA, die eine Staugebühr erhoben hat. Im Januar hat Mailand mit der Einführung einer Reihe von Verboten für Dieselautos begonnen. Bogota hat die Nutzung von Autos schon seit 1998 einschränkt, als die Stadtväter festgestellt haben, dass die Kleidung ihrer Bürger bereits dadurch verschmutzte, dass sie sich im Freien aufgehalten haben.
London hat in diesem Jahr eine Zone mit extrem niedrigen Emissionen definiert, um schadstoffintensive Autos aus dem Zentrum fernzuhalten. Und am Sonntag, dem 22. September 2019, war die Stadt zum ersten Mal komplett autofrei. Zwanzig Kilometer der zentralen Strassen in London wurden komplett gesperrt, während wichtige Strecken wie Bishopsgate und London Bridge nur mit dem Bus befahren werden durften. Der autofreie Tag ist kein städtebaulicher Stillstand, sondern eher eine Geste, um das Bewusstsein für die Luftqualität in London und den Fokus der Stadt auf nachhaltigen Verkehr zu schärfen.
"Die Luftverschmutzung in London bringt uns um", twitterte Bürgermeister Sadiq Khan Anfang des Jahres. Mehr als 9.000 Todesfälle hängen jedes Jahr mit Londons schmutziger Luft zusammen - es handelt sich also um eine veritable Gesundheitskrise. Aber manchmal ist es eben genau das, was nötig ist, um die richtigen Initiativen in Gang zu bringen.

Tote Vögel fallen vom Himmel

In Mexiko-Stadt gelten seit den späten 1980er-Jahren Einschränkungen für Autos, seitdem Menschen berichteten, dass aufgrund der Luftverschmutzung tote Vögel vom Himmel fielen (die Schadstoffe in der Atemluft eines Tages in der Stadt waren gleichbedeutend mit dem Rauchen von zwei Packungen Zigaretten). "Aufgrund der Krise wurden einige sehr mutige und kühne Richtlinien eingeführt", sagt Gonzalo Peon, stellvertretender Direktor am Institut für Verkehrs- und Entwicklungspolitik in Mexiko, einer in den USA ansässigen NGO, die sich auf nachhaltigen Verkehr konzentriert. Eine dieser Richtlinien war Hoy No Circula (Heute-kein-Verkehr), ein Programm, das die Nutzung von Autos in der ganzen Stadt einschränkte.
"Die Regierung hat im Grunde gesagt: Sie dürfen nicht fahren", sagt Kate Blumberg, Landesleiterin in Mexiko beim International Council on Clean Transportation. Die Stadt dachte nicht an neue Technologien oder innovative Gesetze. "Es ging nur darum, Autos von der Strasse zu verbannen, um die Luft sauberer zu machen."
Für Mexiko-Stadt reichte das Autoverbot gerade aus, um die Stadt aus der grössten Krise zu holen. Der Kohlendioxidgehalt sank zunächst um 11 Prozent. Bei dem Versuch, die Luftverschmutzung in der Stadt noch weiter zu verringern, hat die Regierung die Beschränkungen auf Dauer festgeschrieben. Auf dem Papier hört sich das gut an, aber wie Blumberg sagt: "Wenn Richtlinien wie diese nicht sehr sorgfältig ausgearbeitet sind, muss man sich der möglichen Konsequenzen bewusst sein."

Die saubersten Autos dürfen fahren

Im Hoy No Circula-Programm wird jedem Auto ein Tag pro Woche zugewiesen, an dem es nicht verwendet werden kann. Diese Einschränkungen richten sich jedoch nach dem Kennzeichen und nicht nach dem Fahrer. Als die extreme Krise vorüber war, wurde das System damit schnell unbeliebt. Die Einwohner waren der Meinung, die Einschränkungen seien nicht länger notwendig und so fanden sie eine Lücke: ein zweites Auto. "Sie kauften einfach ein altes Auto, damit sie jeden Tag fahren konnten", sagt Blumberg. "Angeblich hatte dann der Sohn oder die Frau, die kein eigenes Auto besassen, dieses genutzt."
Dies war ein grosser Rückschritt. Peon sagt: "Es war der Anreiz für die Menschen, keine saubereren Fahrzeuge zu besitzen, sondern dafür eine ältere, grössere Flotte, damit sie die ganze Zeit ein Auto nutzen konnten." Jetzt hat sich das System von Mexiko-Stadt dahingehend weiterentwickelt, dass alle zwei Jahre Wartungs- und Emissionskontrollen durchgeführt werden. Die saubersten Autos sind von den Kennzeichenbeschränkungen ausgenommen, ausser in Notfallsituationen. Somit wurde der Anreiz geschaffen, statt zwei Fahrzeugen ein emissionsarmes zu besitzen. Diese Massnahme machte schliesslich den Unterschied. Die Luftverschmutzung in Mexiko-Stadt hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert. Diese Auswirkung kann jedoch nicht nur auf Hoy No Circula zurückgeführt werden.

Eine Schusswunde mit einem Pflaster versorgen?

Wenn Sie Autos vorübergehend von der Strasse nehmen, können Sie die Luftqualität kurzfristig verbessern. Das ist jedoch so, als würde man eine Schusswunde mit einem Pflaster versehen. Je grösser das Pflaster, um so besser, aber irgendwann brauchen Sie bessere Versorgung. In Paris beispielsweise sank der Stickstoffgehalt in der Luft um 40 Prozent, als die Stadt vor vier Jahren die Autos für einen Tag aus dem Zentrum verbannte. Aber es dauerte nicht lange und weniger als sechs Monate später wurde Paris zur am stärksten verschmutzten Stadt der Welt gekürt. Auch wenn diese autofreien Tage nun einmal im Monat stattfinden, hat die französische Hauptstadt immer noch ein grosses Smogproblem.
Aber es ist auch möglich, Auto-Verbote in eine dauerhaftere Lösung umzuwandeln. Letztes Jahr hat Madrid alle Autos dauerhaft aus der Innenstadt verbannt und gegen jeden, der die Regel verletzt hat, eine Geldstrafe verhängt. Eine grosse Veränderung ist dann gleichbedeutend mit einem grossen Ergebnis: Laut der Aktivistengruppe "Ecologists in Action" sank der Stickstoffgehalt im Zentrum aufgrund des Verbots innerhalb von sechs Monaten um 48 Prozent.

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Über den Author

Sophia Epstein ist Autorin von WIRED, UK

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Wer sind wir? Wie leben wir heute? Und wie wird die Digitalisierung unser Leben verändern? Die Frage nach der Zukunft bewegt die Gesellschaft mehr denn je. Antworten suchen Ingenieure, Mediziner, Politiker und jeder einzelne von uns. Der Report über Fahrverbote in den Metropolen ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das Thema «Digitalisierte Gesellschaft» aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten. Wir publizieren ihn hier als Teil unserer Serie «Impact».