Sollten wir nur noch vier Tage pro Woche arbeiten?

Digitalisierung 14.10.2019
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Weltweit gibt es zahlreiche Feldversuche, die Fünf Tage-Woche auf vier Arbeitstage zu verkürzen. Psychologen, Gewerkschafter und Wirtschaftsexperten streiten sich über die Vor- und Nachteile

Die Geschichte der Arbeitszeiten ist die Geschichte der Gewerkschaften. Ihnen ist es zu verdanken, dass in den meisten Industrie-Nationen nur noch an fünf Tagen pro Woche maximal acht Stunden gearbeitet wird. Aber ist auch das noch zu viel? Eine Pro- und Contra-Diskussion

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©WIRED

David Stone befindet sich gerade inmitten einer sechsmonatigen Versuchsphase, um die Vier Tage-Woche zu testen und ist überglücklich. «Als Chef kann man nur gewinnen, wenn man seine Mitarbeiter eines Tages etwas früher gehen lässt", sagt er. «Stellen Sie sich vor, Sie sagen Ihren Mitarbeitern, dass sie ihr volles Gehalt bekommen und dafür nur vier Tage arbeiten müssen. Die Leute wären sofort dabei und würden niemals kündigen.»

Stone ist begeistert von dieser Art der Mitarbeiterbindung. Er gründete 1997 in Brighton die Firma MRL, ein Nischen-Rekrutierungsunternehmen für den Hochtechnologiemarkt, und führte es zu Beginn des Jahrtausends durch die unruhigen Phasen des Dot-Com-Crashs. Eine Zeit schnellen Wachstums im Jahr 2007 und der folgenden Rezession, als Lehman Brothers 2008 pleite ging. 2015 sah er den LinkedIn-Beitrag eines ehemaligen Kollegen namens John Nash, in dem der ausführlich über seine Entscheidung berichtete, sein eigenes Personalunternehmen auf eine Vier Tage-Woche umzustellen. Dann vergass er das Gelesene fast vier Jahre lang.

Das Recht, am Wochenende keine E-Mails lesen zu müssen

Momentan ist die Vier Tage-Woche nur in den fortschrittlichsten Unternehmen möglich, die von Chefs wie Stone implementiert werden und die sie dann einführen, wenn das Geschäft reibungslos läuft. Aber stellen Sie sich vor - wie es die britische Labour Party kürzlich getan hat - dass dies branchenübergreifend zur Verpflichtung wird. Die vom Ökonomen Robert Skidelsky erstellte Labour-Backed-Studie warnte vor der zunehmenden Erschöpfung aller Mitarbeiter, die ihre Arbeit in vier Tagen erledigen müssen. Ausserdem sei dies problematisch für alle Arbeitnehmer, die nach Stunden bezahlt werden. Dennoch wird der Ruf nach solchen Verlagerungen immer lauter. In Frankreich wurde 2016 beispielsweise ein Gesetz eingeführt, das den Arbeitnehmern das Recht einräumt, an Wochenenden keine E-Mails lesen zu müssen.

In China setzen sich anonyme Aktivisten für die Anwendung des Arbeitsrechts bei den Programmierern des Landes ein, die zwölf Stunden am Tag und sechs Tage die Woche arbeiten. Einige von ihnen landen erschöpft im Krankenhaus. In Grossbritannien, so die Befürworter, ist eine politische Entscheidung gefragt, um die Entstehung des «New-Dualism» zu stoppen, bei dem sich Mitarbeiter der Dienstleistungswirtschaft diese Freizeit leisten können und andere nicht. Sie befürchten, dass einige Unternehmen, wenn es dem Markt überlassen wird, eine Vier Tage-Woche wählen, während Uber-Fahrer und Amazon-Fabrikarbeiter länger und ohne Verträge oder Vergünstigungen weiterarbeiten müssen, um sich über Wasser halten zu können. Angesichts der Fragmentierung des Arbeitsmarktes wird es schwieriger zu beurteilen, ob die Vier Tage-Woche eine versprochene Utopie oder eine Einschränkung des Rechts auf Arbeit ist.

Für Paul Sellers, Pay Policy Officer auf dem Trades Union Congress, ist die Debatte von jahrzehntelangen Kämpfen um die Rechte der Arbeitnehmer geprägt. Sellers verliess die Schule in den 60er Jahren, als die Leute gerade aufgehört hatten, fünfeinhalb Tage in den Fabriken zu arbeiten. «Seltsamerweise steht das alles immer dann auf der Tagesordnung, wenn die Wirtschaft gut läuft», sagt er über Arbeitszeitverkürzungen. «Derzeit haben wir ein Rekordtief bei der Zahl der Arbeitslosen und ein Hoch bei den offenen Stellen. Was fehlt, ist die Qualität der Arbeitsplätze.»

Zwei freie Tage pro Woche?

Als der Gewerkschaftskongress 1868 sein erstes Treffen abhielt, arbeitete der durchschnittliche Arbeiter 62 Stunden pro Woche. Heutzutage, einschliesslich Teilzeitbeschäftigter, beträgt die durchschnittliche Stundenzahl 32. Die Geschichte der verkürzten Arbeitswochen ist also die Geschichte der Gewerkschaften. Im 19. Jahrhundert kämpften sie für den Achtstunden-Tag, im zwanzigsten Jahrhundert für zwei freie Tage am Wochenende.

Diese Errungenschaften waren kein Zufall. Die Arbeitgeber haben im Laufe der Geschichte argumentiert, dass sie mehr Geld verdienen könnten, wenn die Menschen länger arbeiteten. Um 1800 wurde von den Erwerbstätigen erwartet, dass sie unbegrenzt und an sechs Tagen in der Woche ohne bezahlte Feiertage arbeiten. Es bedurfte experimenteller Chefs wie Stone und Nash, um verschiedene Arbeitsweisen auszuprobieren. In den Jahren zwischen 1800 und 1815 verkürzte der Industrielle Robert Owen den Arbeitstag in seinen New Lanark Mills, dem einst grössten Baumwollproduktionsbetrieb Schottlands mit rund 2.500 Beschäftigten, auf zehneinhalb Stunden. Aber es musste weitere 50 Jahre dauern, bis der Zehnstunden-Tag mit dem Fabrikgesetz von 1847 gesetzlich verankert wurde. Erst weitere 50 Jahre später wurde der Achtstunden-Tag eingeführt, nachdem 200.000 Arbeiter am 1. Mai im Londoner Hyde Park protestierten.

Die Briten arbeiten am längsten

Heute befürworten 63 Prozent der Briten laut YouGov-Daten eine viertägige Vollzeitarbeitswoche. Die Menschen in Grossbritannien votieren am stärksten für eine viertägige Woche. Befragt wurden sieben Nationen, darunter Frankreich, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden. Aber das Vereinigte Königreich arbeitet laut TUC auch länger als der Rest der EU. Gleichzeitig ist die Produktivität seit der Finanzkrise eingebrochen. Nach Angaben des ONS erwirtschaften britische Arbeitnehmer 2016 im Durchschnitt 16 Prozent weniger als die Kollegen in anderen Mitgliedsstaaten der sieben führenden Volkswirtschaften. «Unternehmen müssen verstehen, dass die Art und Weise, wie wir jetzt arbeiten, ihre Produktivität beeinträchtigt», sagt Charlotte Lockhart, Geschäftsführerin von 4 Day Week Global, einem Unternehmen, das im September 2019 gegründet wurde, um die Einführung der Vier Tage-Woche bei Unternehmen zu forcieren. Lockhart gründete die Firma, nachdem sie mit Fragen überschwemmt worden war, warum Perpetual Guardian, ihr zweites Unternehmen, den Wechsel 2018 vorgenommen hatte.

Perpetual Guardian erprobte im März und April 2018 eine viertägige Woche, in der die Mitarbeiter vier Achtstunden-Tage lang arbeiteten, aber für fünf bezahlt wurden. In einer unabhängigen Studie stellten Forscher der Auckland University of Technology fest, dass die Mitarbeiter des Unternehmens, das 240 Mitarbeiter beschäftigt, einen Rückgang des Stressniveaus um sieben Prozentpunkte verzeichneten, während die allgemeine Lebenszufriedenheit um fünf Prozentpunkte zunahm.


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Über Hazel Sheffield

Hazel Sheffield ist Autor von WIRED, UK

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Wer sind wir? Wie leben wir heute? Und wie wird die Digitalisierung unser Leben verändern? Die Frage nach der Zukunft bewegt die Gesellschaft mehr denn je. Antworten suchen Ingenieure, Mediziner, Politiker und jeder einzelne von uns. Der Report über die Vier Tage-Woche ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das Thema «Digitalisierte Gesellschaft» aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten. Wir publizieren ihn hier als Teil unserer Serie «Impact».