Wahlen in Indien: Wachsende Mittelschicht als Zugpferd

Market Update , Equities 13.05.2019 von Jin Zhang
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Mit den diesjährigen Parlamentswahlen in Indien wird sich zeigen, ob Experten weltweit richtig liegen. Sie gehen davon aus, dass die konservative Bharatiya Janata Party (BJP) unter der Führung von Premierminister Narendra Modi an der Macht bleiben wird. Der Handlungsspielraum der neuen Regierung bleibt dabei noch offen. Dieser hängt massgeblich von der Zahl der gewonnenen Parlamentssitze ab. Neue Reformen bleiben für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes in jedem Fall unerlässlich.

Die Märkte schätzen Kontinuität. Die Reformmassnahmen der letzten Jahre und das gute wirtschaftliche Wachstum haben die positive Wahrnehmung der konservativen BJP weiter gestärkt. Eine der wichtigsten Errungenschaften der Modi-Regierung war die Durchsetzung einiger wirtschaftsrelevanter gesetzlicher Neuerungen. Darunter die Einführung der Waren- und Dienstleistungssteuer (GST) und des neuen Insolvenzrechts. Dass auch die neue Regierung diesen Weg fortsetzt ist unerlässlich, um Indien weiter für Kapitalzuflüsse zu öffnen. Künftige Reformmassnahmen sollten deshalb darauf abzielen, die Infrastruktur des Landes merklich zu verbessern, das derzeitige Arbeitsrecht zu lockern und Regulierungen zu reduzieren. Einige Massnahmen sind schon vor langer Zeit in Kraft getreten, aber nicht alle davon sind wirklich zweckdienlich oder effektiv. Der Bereich, der am meisten von weiteren Reformen profitieren dürfte, ist der Stromsektor. Eine Verbesserung der Stromversorgung und der Stabilität des Stromnetzes ist eine Voraussetzung dafür, die Ansiedlung von Fertigungsunternehmen zu begünstigen. Diese wiederum könnten internationales Kapital anziehen.

In Indien ein Unternehmen zu betreiben ist kein einfaches Unterfangen. Das Land ist sehr gross und vielfältig. Infrastruktur- und regulatorische Einschränkungen stellen oftmals Hindernisse dar. Deshalb ist es für Investoren wichtig, Unternehmen auszuwählen, die wissen, wie man sich auf so schwierigem Terrain bewegt. So kann beispielsweise die HDFC, Housing Development Finance Corporation, in allen Landesteilen operativ tätig sein. Möglich macht das das unternehmenseigene tiefe Verständnis des komplexen Immobiliengeschäfts in Indien mit all seinen regionalen Besonderheiten. Darüber hinaus kommt dem Unternehmen zugute, dass es über einen grossen Erfahrungsschatz in Bezug auf die Eigenheiten des indischen Hypothekenfinanzierungsgeschäfts verfügt.

Das Gleiche gilt für ITC, das grösste Tabakunternehmen des Landes. ITC hat bewiesen, dass es möglich ist, all die unterschiedlichen Regeln und Vorschriften des Landes zu befolgen und dabei erfolgreiche Geschäfte zu machen. Die Fähigkeit, in einem solchen Umfeld zu navigieren, ist für etablierte Unternehmen von grossem Vorteil, da die regulatorische Heterogenität des Landes Eintrittsbarrieren für Neueinsteiger, einschliesslich internationaler Herausforderer, darstellt.

Unabhängig vom Wahlergebnis: der Finanzsektor profitiert

Ob es einen Regierungswechsel gibt oder nicht, Finanzdienstleister werden profitieren, denn beide Parteien werden sich für die Schaffung von Arbeitsplätzen einsetzen und sich auf die Verbesserung der Infrastruktur konzentrieren. Dies wird mehr Arbeitsplätze für die Mittelschicht schaffen, deren Einkommenszuwachs den Bedarf an Autokrediten, Kreditkarten, Investmentfonds und andere Finanzprodukten anwachsen lassen wird. Unternehmen, die in diesem Zusammenhang gut positioniert sind, sind HDFC und HDFC Bank, die grösste Privatbank des Landes. Sie weist ein umsichtiges Management auf und ist ein führender Anbieter in all den oben genannten Finanzdienstleistungsbereichen. Es ist deshalb wahrscheinlich, dass HDFC Bank die aufstrebende Mittelschicht bedienen können wird. Die Bank hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine Eigenkapitalrendite und ein Wachstum von 20 Prozent erzielt und wird diesen Kurs voraussichtlich beibehalten können. Sie ist ein Paradebeispiel für die Art von Unternehmen, die wachsen dürften, unabhängig davon, welche Partei an der Macht ist.

Ölpreisanstieg als grösstes Risiko

Das grösste Risiko für die indische Wirtschaft besteht in einem starken Anstieg der globalen Ölpreise. Indien braucht viel Öl und das Land produziert nicht annähernd genug. Es muss etwa 80 Prozent seines Bedarfs importieren, so dass hohe Ölpreise eine finanzielle Herausforderung für das Land darstellen könnten. Sie würden das Leistungsbilanzdefizit in die Höhe treiben und den Staatshaushalt aus dem Gleichgewicht bringen.

Vor diesem Hintergrund sind Unternehmen attraktiv, die in der Lage sind, diese wirtschaftlichen Herausforderungen und ihre Risiken zu meistern. So sind beispielsweise IT-Dienstleistungsunternehmen, einschliesslich TCS und HCL Tech, weltweit wettbewerbsfähig und hauptsächlich von der globalen Nachfrage getrieben. Das verhilft beiden zu einer gewissen Unabhängigkeit von der Inlandsnachfrage.

Fazit

Abgesehen von den bevorstehenden Wahlen gehört Indien zu den robustesten Entwicklungsländern. Das Land verfügt über ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum und seine Auslandsverschuldung ist moderat – dank seines Schuldenprofils kam das Land während der Erstarkung des US-Dollars weniger ins Schleudern als andere Schwellenländer. Die Aktienmärkte neigen dazu, empfindlich auf politische Entwicklungen zu reagieren. Dabei wird das Wachstum Indiens hauptsächlich von seinem grossen, vielfältigen und dynamischen Privatsektor getrieben, der sich unter beiden möglichen Regierungen weiterhin entfalten wird.