Investors' Outlook Juli 2018

Investor Outlooks , Multi Asset 01.07.2018 von Christophe Bernard
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Europa steht am Rande einer Existenzkrise

«Der Mensch akzeptiert Veränderungen nur unter dem Druck der Notwendigkeit, und die Notwendigkeit nur dann, wenn er vor einer Krise steht.»
Jean Monnet, Mémoires, 1976

Nach Jahren der geographischen Erweiterung wird die Europäische Union (EU) mit dem Austritt Grossbritanniens zum ersten Mal kleiner. Doch der Brexit ist nur eine von mehreren fundamentalen Herausforderungen, die letztlich die Existenz der EU bedrohen. 

Die Migration hat die Kluft zwischen einer technokratischen Institution und dem Volk offengelegt, das seine kulturelle Identität durch die unkontrollierte Zuwanderung bedroht sieht. Die Handlungsunfähigkeit der EU bei diesem Thema hat zum Aufstieg «systemkritischer» populistischer Parteien wie der Lega in Italien oder der AFD in Deutschland beigetragen, die für sich beanspruchen, im Gegensatz zu den verschmähten politischen Eliten, den echten Volkswillen zu vertreten. Dieses Problem stellt die Regierungskoalition in Deutschland vor eine Zerreissprobe und gefährdet die Zukunft von Kanzlerin Angela Merkel.

Selbst das urliberale Freihandelscredo der EU stösst auf wachsenden Widerspruch von Wählern, die sich zu den möglichen Globalisierungsverlierern zählen. Die wachsende Einkommensungleichheit ist Wasser auf die Mühlen aufstrebender populistischer Parteien, die in der Regel Handelsschranken befürworten.

Geopolitisch hat Russland mit der Annexion der Krim ein Nachkriegstabu gebrochen, und die USA verhalten sich unter der Führung Donald Trumps gelinde gesagt nicht gerade wie ein zuverlässiger Verbündeter.

Der Euro, Symbol der europäischen Integration, bleibt anfällig, da die Währungsunion nach wie vor unvollendet ist. Vor allem die wachsenden Target2-Ungleichgewichte zwischen den Kern- und den Peripherieländern Europas bereiten Sorge. Die Target2-Salden stellen die Forderungen und Verbindlichkeiten der nationalen Zentralbanken des Euroraums gegenüber der Europäischen Zentralbank dar, die sich über Target2 (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System) durchgeführten grenzüberschreitenden Zahlungen ergeben. Die Salden zeigen, dass Kapital in die Kernländer fliesst, ohne angemessene Reinvestition in die Peripherieländer (siehe Grafik 1). Das liegt daran, dass sich die Wirtschaftsakteure und Anleger verhalten, als glaubten sie nicht wirklich an die Unumkehrbarkeit der Währungsunion. Dies wiederum ist verständlich, denn es gibt weder eine gemeinsame Bankeinlagenversicherung noch gemeinschaftliche, sichere Euro Bonds, und der aktuelle Europäische Stabilitätsmechanismus ist nicht darauf ausgelegt, grosse systemische Gefahren wie eine mögliche Staatsschuldenkrise in Italien zu entschärfen.

Ohne eine Art Eurozonenbudget – ein rotes Tuch für die Nordländer, die fürchten, für ihre verschwenderischen südeuropäischen Partner haften zu müssen (ein abgenutztes, aber unausrottbares Klischee) – ist ein Abbau der aktuellen, wachsenden Ungleichgewichte schwer vorstellbar. Auch wenn es ein kleiner Schritt ist, schlagen Frankreich und Deutschland vor, bis 2021 ein Eurozonenbudget (ausserhalb des Budgets der Europäischen Kommission) einzurichten. Umfang und Anwendungsbereich stehen noch nicht fest, und der Vorschlag muss zuerst Widerstände auf dem EU-Gipfel am 28./29. Juni überwinden.

In Anlehnung an Jean Monnet, einem Gründungsvater europäischer Institutionen, könnten die zunehmenden Krisen in der EU das Bewusstsein der europäischen Regierungen schärfen und sie zu entschlossenem Handeln bewegen, um das langfristige Überleben der EU zu sichern. Doch vorerst stehen grundlegende Meinungsverschiedenheiten im Weg. Die Anleger könnten daher dazu neigen, die Wahrscheinlichkeit einer Eurokrise zu unterschätzen. Diese Möglichkeit sollte jedoch bei der langfristigen strategischen Portfoliopositionierung berücksichtigt werden.

Target2-Salden zeigen Liquiditätsungleichgewichte zwischen den Europäischen Kern- und Peripherieländern auf

in Mrd. EUR

Quelle: ECB (Eurosystem), Thomson Reuters Datastream, Vontobel Asset Management

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