Trotz besorgniserregenden Schlagzeilen floriert der Welthandel

Marktkommentar 07.03.2018 von Christophe Bernard
Lesezeit: 4 Minute(n)

Freihandel einmal anders: Die USA verhängen hohe Strafzölle auf Waschmaschinen und Solarmodulen und China stellt sich als Musterknabe in Sachen Offenheit dar. Obwohl die Schlagzeilen bisweilen unerfreulich sind, ist die Realität eine andere. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, war der Freihandel über die letzten Jahrzehnte stets das «Schmiermittel» für die Räder der Weltwirtschaft. Die protektionistischen Störgeräusche aus Washington dürften in erster Linie für das heimatliche Publikum bestimmt sein.


Seit dem Zusammenbruch des früheren Sowjetblocks im Jahr 1989 hat das Wachstum des globalen Handels das Weltwirtschaftswachstum stets übertroffen. Das globale Handelswachstum wirkte bis zum Ausbruch der grossen Finanzkrise 2008/2009 wie ein Konjunkturturbo. Seither ist die Welt eine andere. Ab 2012 drehte jedoch der fest etablierte Trend – eine Entwicklung, die bis Mitte 2016 anhielt. Der globale Handel war während dieser Zeit ein Belastungsfaktor für das globale Wachstum. Infolge der weltweiten Probleme der Banken versiegten die Finanzierungsquellen des globalen Handels. Der Zusammenbruch der Rohstoffpreise spielte ebenfalls eine Rolle. Doch seit Mitte 2016 floriert der Welthandel wieder und sorgt in einem Grossteil der Märkte für eine breit abgestützte Expansion (siehe Grafik 1).

Grafik 1: Zuwachsrate des globalen Handels seit Mitte 2016 wieder über jener der Weltwirtschaft

Zuwachsrate des globalen Handels seit Mitte 2016 wieder über jener der Weltwirtschaft

Quelle: CPB, IMF; Thomson Reuters Datastream, Vontobel


Mit dem politischen Aufstieg von Donald Trump scheinen die USA ihren Status als Vorkämpfer für den Freihandel verloren zu haben. Die US-Regierung erhebt seit Kurzem Importzölle auf Solarmodulen und Waschmaschinen. Auf Empfehlung des Handelsministeriums sollen demnächst Importzölle oder -quoten für Stahl- und Aluminiumimporte folgen. Seltsamerweise wird in diesen Fällen argumentiert, dass solche Importe die nationale Sicherheit beeinträchtigen. Wirft dies den Welthandel aus der Bahn und wird die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen?
 

Washington will kein Unruhestifter sein

Wir denken: nein. Zum einen lassen sich die Streitigkeiten damit erklären, dass der Handel weit oben auf der Prioritätenliste des US-Präsidenten steht. Zum anderen machen Waschmaschinen, Solarmodule, Stahl und Aluminium zusammen nur 1.6 Prozent der globalen US-Importe und 0.2 Prozent des US-Bruttoinlandprodukts aus. Ebenfalls rechnen wir mit einer besonnen Reaktion Chinas, Südkoreas und Japans, die die Drohgebärden der USA vor dem Hintergrund der US-Zwischenwahlen richtig einordnen dürften. Sehen wir uns die Entwicklungen rund um das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) – seit jeher ein rotes Tuch für Donald Trump – näher an. Die Gespräche zwischen den drei Nafta-Parteien USA, Kanada und Mexiko zeigen bislang, dass die grösste Volkswirtschaft der Welt kein Interesse hat, Unruhe zu stiften. Erkennbar ist dies an der sehr wahrscheinlichen Verzögerung  der Gespräche bis nach den Wahlen in Mexiko im Juli (oder sogar bis nach den US-Zwischenwahlen im November). Trotz der negativen Schlagzeilen erwarten wir, dass der globale Handel in der nächsten Zeit einen wichtigen Beitrag ans Weltwirtschaftswachstum leistet.
 

Finanzmärkte Anfang 2018: Unfallgefahr

Im Februar korrigierten die Märkte um 10 Prozent – zum ersten Mal seit dem globalen Kurssturz zwischen November 2015 und Februar 2016, der damals von China ausging. Hinzu kommt, dass der Chicago Board Options Exchange Volatility Index (VIX), auch als «Angstbarometer» bekannt, am 6. Februar auf eindrucksvolle 50 Prozent stieg. Gewiss, die Anleger waren zuvor euphorisch, weshalb die Märkte für (vermeintlich) schlechte Nachrichten anfällig waren. Diese kamen in der Form eines steigenden Lohnwachstums in den USA (+2.9 Prozent im Januar 2018 im Vorjahresvergleich) und von Kerninflationszahlen, die leicht über den Erwartungen lagen. Mittlerweile messen wir unserem Szenario «Inflation überschiesst» (siehe Investors’ Outlook von Dezember 2017) eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 30 Prozent (zuvor: 25 Prozent) bei. Unser Hauptszenario «Weiterhin Goldilocks», dessen Wahrscheinlichkeit wir auf 60 Prozent veranschlagen, ist nach wie vor gültig. Wir halten an unserer neutralen Aktienpositionierung und der Untergewichtung von Staatsanleihen fest. Dagegen reduzieren wir unsere Positionen in Anleihensegmenten wie Hochzins- und Schwellenländerpapieren. Bei den Aktienanlagen liegt der Schwerpunkt auf «Value», wobei Bank- und Rohstoffaktien einen Grossteil unseres Engagements ausmachen. Diesen Positionen kämen eine schrittweise anziehende Inflation und das anhaltende Realwachstum der Wirtschaft zugute.
 

Freimütiges Geldausgeben in den USA gibt Anlass zur Sorge

Die möglichen Folgen der amerikanischen Ausgabepläne für 2018 und darüber hinaus bereiten uns und den Anlegern allgemein zunehmend Sorgen. Dies gilt umso mehr, wenn die jüngst verabschiedeten Steuerkürzungen miteinbezogen werden. Das Budgetdefizit wird infolgedessen auf 5 Prozent (gegenüber 3.6 Prozent 2017) und höher steigen. Ein solcher Wert wurde seit den 1960er Jahren nur während oder kurz nach Rezessionen verzeichnet. Das strukturelle Leistungsbilanzdefizit der USA beläuft sich auf rund 3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (trotz niedrigeren Öl- und Gasimporten) und der Finanzierungsbedarf könnte in eine Phase mit steigenden Zinsen fallen. Die US-Notenbank verringert zudem die Anleihenkäufe, sodass die Finanzmärkte bald in einer Flut von US-Treasuries ertrinken könnten. Dies bedeutet, dass Dollar-Anleihen einen erheblichen Zinsvorteil bieten müssen gegenüber anderen sicheren Staatspapieren, damit sie für ausländische Anleger attraktiv bleiben. Obwohl diese Papiere mit einem höheren Coupon ausgestattet sein müssten, könnte der US-Dollar erheblich unter Druck kommen, falls Zweifel an der Nachhaltigkeit der US-Fiskalpolitik aufkommen. Ein Renditesprung der US-Treasuries – auf ein ökonomisch nicht gerechtfertigtes Niveau – könnte die Preise von Vermögenswerten langsam unter Druck setzen oder Panik an den Finanzmärkten auslösen. Dieses Risiko müssen wir beobachten.

Die anstehenden Zahlen zur US-Inflation und zum Lohnwachstum sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Jede Zahl, die (nochmals) über den Erwartungen liegt, könnte die Risikoaversion erneut in die Höhe treiben. Wir werden selbstverständlich wachsam bleiben und gegebenenfalls unverzüglich handeln.
 
Grafik 2: US-Budgetdefizit von über 5 Prozent (2018 und darüber hinaus) ist ausser in Rezessionen beispiellos
In Prozent des BIP

US-Budgetdefizit von über 5 Prozent (2018 und darüber hinaus) ist ausser in Rezessionen beispiellos 

Quelle: U.S. Bureau of Fiscal Services, Bureau of Economic Analysis, Congressional Budget Office, Joint Committee on Taxation, National Bureau of Economic Research, Thomson Reuters Datastream, Vontobel

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Über den Autor Chief Strategist Vontobel

Christophe Bernard

Christophe Bernard ist seit dem Jahr 2012 Vontobel-Chefstratege sowie Vorsitzender des Anlageausschusses.

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