Leadership im Strudel der Digitalisierung

Digitalisierung 05.12.2018
Lesezeit: 5 Minute(n)

Ein Interview mit Nicole Brandes, Managementcoach und Partnerin des Zukunftsinstituts

Die Digitalisierung hat verrückte Zeiten eingeläutet. Algorithmen sagen uns, was wir kaufen sollen, wen wir rekrutieren sollen und sogar mit wem wir auf Tinder flirten sollen. Wir ertrinken in Daten. Was müssen Führungspersonen beachten, dass Unternehmen bei aller digitalen Transformation nicht den menschlichen Aspekt des Erfolgs vernachlässigen?

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Nicole Brandes, Managementcoach und Partnerin des Zukunftinstituts


Eines können wir nicht digitalisieren: Die echten Beziehungen zwischen Menschen. Früher wurden wir in Gemeinschaften geboren und mussten unsere Individualität finden. Heute werden wir als Individuen geboren und können alles hyperindividualisieren. Doch bei aller Faszination für Technologie ist und bleibt der Mensch ein zutiefst analoges Wesen. Und seine Bedürfnisse sind wie vor Tausenden von Jahren. Um unsere Sehnsucht nach echten Begegnungen, echten Beziehungen und echten Freundschaften zu stillen, müssen wir heute Zugehörigkeit suchen. Was wir im Strudel der Weltdigitalisierung brauchen, ist die Fähigkeit, eine gemeinsame Basis herzustellen. Über sämtliche Grenzen, Generationen und Geschlechter hinweg.
 

«Die Weltgesellschaft, zu der wir zusammenwachsen, steckt voller Werteclashes und damit voller Konfliktpotenzial.»

Lesen Sie im Interview mit Nicole Brandes, welche neuen Herausforderungen das für Führungspersonen mit sich bringt – und warum wir emotional aufrüsten müssen, um die neue Weisheit der Vielfalt in Erfolge ummünzen zu können.

Nicole Brandes, Sie beraten als internationaler Managementcoach die Mächtigen und Einflussreichen dieser Welt. Wer hat Sie am meisten gecoacht auf Ihrem Karriereweg?
Ich kann immer lernen und möchte auch niemals aufhören zu lernen. In jedem Lebensabschnitt hatte ich neue und andere Erfahrungen gemacht, und deshalb ist es schwierig zu sagen, von diesem Kunden oder dieser Aufgabe habe ich am meisten gelernt. Wichtiger ist, dass wir heute auch auf dem Höhepunkt einer Karriere noch bereit sind zu lernen. Und dabei ist es unerheblich, ob man von bekannten Personen lernt oder von neu eingestellten Mitarbeitenden, die neue, innovative Ideen haben.

Als Partnerin des Zukunftsinstituts setzen Sie sich täglich damit auseinander, was die Zukunft an Veränderungen mit sich bringt. Stimmt Sie das nicht sorgenvoll?
Ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht, sehe aber nicht alles durch eine rosarote Brille. Die Digitalisierung wird vieles verändern, und nicht jeder wird sich einfach mit einer so technisierten Zukunft und Umwelt abfinden. Deshalb ist es für mich so wichtig, dass wir bei aller digitalen Transformation den menschlichen Aspekt nicht vernachlässigen. Denn die menschlichen Beziehungen halten unsere Gesellschaft zusammen, nicht die Leiterbahnen auf den Computerchips.

Wie führt man inspirierend? Ist das lern- und lehrbar?
Ja, das ist lernbar. Ich stehe dafür ein, dass man zuerst in der Lage ist, sich selbst zu führen, innere Stärke im äusseren Chaos zu entwickeln und sich weniger von den äusseren Kräften bestimmen zu lassen, sondern die eigenen Kräfte auszuspielen. Deswegen coache ich Führungskräfte vor allem im Bereich der Selbstführung.

…wie erreicht man diese Selbstführung?
Es geht darum, zuerst eine persönliche Vision zu haben, eine eigene Philosophie zu entwickeln, zu erkennen, was mich antreibt und was mich ausbremst. Wenn ich selbst weiss, wohin ich will und warum ich tue, was ich tue, und einen Sinn in diesem Tun sehe, kann ich auch andere Menschen begeistern und inspirieren. Dann folgen diese, weil sie wollen. Und nicht, weil sie müssen. Es geht in der Führung von Menschen eben nicht um Expertise, sondern um Persönlichkeit. Und diese zu entdecken, zu pflegen und zu schützen steigert die Professionalität und letztlich auch das persönliche Wohlbefinden.
 

«Es geht in der Führung von Menschen nicht um Expertise, sondern um Persönlichkeit.»

Welche wichtigsten Veränderungen bringt die Digitalisierung mit sich?
Die Digitalisierung, auch als «Industrie 4.0» apostrophiert, verändert ALLES! Wie wir leben, arbeiten, wirtschaften, ja sogar wie wir lieben. Wir können uns jetzt schon Sensoren einpflanzen lassen, die Daten direkt an den Arzt senden. Wir können unsere persönlichen virtuellen Assistenten designen und als Hologramme an Sitzungen teilnehmen. Deswegen ist es so wichtig zu lernen, wie man sich in einer komplexen und sich schnell verändernden Umwelt behauptet.

Ist der Mensch denn für die immer rascher aufeinanderfolgenden Umbrüche gemacht?
Der Mensch ist so verdrahtet, dass Veränderungen eine Gefahr darstellen. Insofern tun wir uns schwer damit. Andererseits sind wir auch sehr lernfähige und resiliente Wesen und wir wachsen an Umbrüchen, werden reifer und auch innovativ. Mit Unsicherheiten und Komplexität umzugehen, wird eine entscheidende Fähigkeit der Zukunft sein. Allerdings können wir uns darauf nicht vorbereiten, indem wir Wissen pauken. Das sind Fähigkeiten, die man durch Erleben und Erfahren einüben muss. Und das verunsichert natürlich im ersten Moment.

Was verlangt die «Industrie 4.0» von Führungspersonen?
Führungskräften werden fast heldenhafte Fähigkeiten abverlangt. Sie müssen in allen Führungsmodellen führen können, weil wir im Zeitalter der Gleichzeitigkeit und der Entgrenzung leben. Deswegen können Führungskräfte nicht mehr über Kennzahlen führen, sondern zunehmend visionär und inspirierend agieren. Dazu müssen sie Werteangebote machen, mit denen sich Mitarbeiter identifizieren können. Das stiftet Orientierung, Sinn und Zugehörigkeit. Und Arbeitsmodelle der Zukunft werden einerseits sehr flexibel sein und gleichzeitig Stabilität vermitteln. Der klassische Abteilungsleiter wird irgendwann durch immer wieder wechselnde Rollen in einem Team abgelöst werden.
 

«Führungskräfte müssen zunehmend visionär und inspirierend agieren.»

Wie können Führungspersonen das Potenzial ihrer Mitarbeitenden am besten nutzen? Und neues Potenzial wecken?
Vor allem, indem Führungskräfte Räume schaffen, in denen experimentiert werden kann. Wir können die Komplexität nicht mehr alleine bewältigen. Das bedeutet, den Mitarbeitenden Vertrauen schenken, an ihr Potenzial glauben und erlauben, dass es entfaltet werden darf. Das ist sehr anspruchsvoll! Kreativität und Teamfähigkeit sind wichtige Fähigkeiten, die in Zukunft den Erfolg ausmachen, nicht so sehr, ob und wo man seinen MBA gemacht hat.

Sie sprechen gerne von der Weisheit der Vielfalt. Wie können Führungspersonen diese Weisheit fördern?
Wir leben in einer multidimensionalen Gesellschaft, die aus einer Mischung von Kulturen, Geschlechtern, Altersgruppen und Erfahrungen besteht. Im Vorteil ist, wer dieses Wissen abrufen kann. Die Weisheit der Vielfalt bedeutet, dass wir es erlauben müssen, viele Ideen zu produzieren, dass Mitarbeiter über ihren Bereich hinausdenken dürfen – und das auch zu tun lernen. Dazu benötigen wir immer mehr diese berühmten «People Skills» und ich würde mir wünschen, dass diese Fähigkeiten bereits früh gefördert werden.

Wie bereiten sich Unternehmen auf die Millennials vor, die spätestens in zehn Jahren die Mehrheit aller Arbeitnehmenden ausmachen werden?
Am besten, indem wir sie frühzeitig einstellen, miteinbeziehen und fördern. Vor allem aber auch: sie viel intensiver zu verstehen beginnen. Jede Generation hat ihre eigenen Vorlieben und Lebensweisen, und man wird die Arbeitsweise daran anpassen müssen. Ich sehe das nicht als grosses Problem, solange man als Unternehmen und vor allem als Unternehmer mit offenen Augen durch die Welt geht und nicht an den Erfolgen der Vergangenheit festhält.
 

Über Nicole Brandes

Nicole Brandes ist Managementcoach für internationale Unternehmen, Autorin und Partnerin des Zukunftsinstituts rund um Matthias Horx. Sie blickt auf fast zwei Jahrzehnte internationale Management-Erfahrung in verschiedenen renommierten Unternehmen zurück. Heute setzt sie sich in ihrer Arbeit für die sinn- und wertzentrierte Führung ein, weil gerade in der Digitalisierung die Sehnsucht nach dem «Warum» immer grösser wird.

Wer sind wir? Wie leben wir heute? Und wie wird die Digitalisierung unser Leben verändern? Die Frage nach der Zukunft bewegt die Gesellschaft mehr denn je. Antworten suchen Ingenieure, Mediziner, Politiker und jeder einzelne von uns. Das Interview mit Nicole Brandes ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das Thema «Digitalisierte Gesellschaft» aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten. Wir publizieren sie hier als Teil unserer Serie «Impact».

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