China und Russland kämpfen um die Kontrolle der Arktis

Insights, Geopolitik
23.12.2019 Lesezeit: 5 Minute(n)
Blick auf eine Eisscholle, die vor einer kargen Insel im artkischen Meer treibt

Zankapfel der Geopolitik: Blick auf eine der kargen Inseln, die in artkischen Gewässern sichtbar werden, seit das Packeis schmilzt. © Wired

 

China behauptet, es sei ein arktischer Staat. Dies steht im Widerspruch zu Russlands Vorstellung davon, wer die Kontrolle in der Arktis haben sollte.

Im August 2019 stellten Satelliten, die den Polarkreis absuchten, eine bemerkenswerte Veränderung fest: Das Eis der Region ging so weit zurück, dass jetzt Inseln sichtbar wurden, die zuvor unter Gletschern begraben lagen. Die Klimakrise hat also neues Land erschlossen, das für politische und wirtschaftliche Zwecke genutzt werden könnte.

Von
Will Bedingfield,

Redakteur von WIRED.
Seine Recherche veröffentlichen wir hier als Teil unserer Publishing Partnership mit Wired UK.

  

Ende 2019 hat eine russische Marine­expedition fünf neuen Inseln entdeckt, die sich in Novaya Zemlya und im Franz-Josef-Land-Archipel befinden. Dies stellt für Russland ein weiterer Erfolg dar, zumal sich das Land als Vorreiter bei der Nutzung der sich verändernden arktischen Landschaft sieht. Nach Angaben der Russian Geographical Society wurden zwischen 2015 und 2018 mehr als 30 neue Inseln, Kaps und Buchten in der Region entdeckt. Die neueste Entdeckung umfasst eine Insel mit einer Grösse von 54.500 Quadrat­metern – eine Fläche, die mehr als sieben Fussball­feldern entspricht. Die Arktis ist eine Region von enormer globaler politischer und wirtschaftlicher Bedeutung – ihr Ozean verbindet Asien, Europa und Nord­amerika. Rund neunzig Prozent des internationalen Handels finden auf diesen drei Kontinenten statt. In der Region gibt es riesige Vorräte an unge­nutzten Ressourcen, darunter einen grossen Teil des welt­weit vorhandenen Erd­öls.

Aber die Region wird durch den Klima­wandel dramatisch ver­ändert. So erreichten die Temperaturen in Nord­grönland im Juni ein Rekord­hoch von 23,2°C. Das sind 0,1°C mehr als im Vorjahr. Die Vereisung lag im Juli mit 19,8 Prozent unter dem Durchschnitt, ein weiterer Rekord. Und die UNO berichtete im September, dass der Verlust an Gletschern zwischen 2015 und 2019 der grösste in ihrer Geschichte war. Nur aufgrund dieser enormen ökologischen Veränderungen sind Land­nahmen wie die von Russland möglich.

Globale Konsequenzen

Aber dieser geografische Wandel hat auch globale Konsequenzen. Derzeit ist die arktische Schiff­fahrts­saison kurz, meist sind die Routen nur im September und Oktober befahrbar. Einem Bericht der britischen Regierung zufolge könnte der Klima­wandel die Länge der Saison verdrei­fachen und je nach Modell die Arktis bis zum Sommer 2035 eisfrei werden lassen, so dass Schiffe zu jeder Jahres­zeit den Nordpol überqueren könnten. Für Frachter aus Grossbritannien würde dies bedeuten, dass sie sich auf Routen nach Ostasien zehn bis zwölf Tage sparen, wenn sie im Spät­sommer die Abkürzung über den Nord­pol befahren.

Russland nimmt dabei eine Führungs­position ein. Das Land hat den Güter­verkehr über die Nordsee­route erhöht und Staats­präsident Putin kündigte in einer Rede 2018 an, dass er bis 2024 insgesamt 80 Millionen Tonnen Waren über die Nordsee befördern will.

Im August 2018 schickte Mærsk, der weltweit grösste Fracht­schiff-Betreiber, das erste Container­schiff über die russische Nordsee­route von Wladiwostok nach St. Petersburg. Es fuhr durch die Bering­strasse über den Nordpol und nicht über die bestehende Route rund um China und durch den Suezkanal. Dies bedeutete eine Verkürzung der normalen Entfernung um 40 Prozent.

Russland ist im Besitz der grössten und modernsten Flotte von Eis­brechern, die für eine sichere Über­querung der Gewässer erforderlich sind. Für das Land stellt das einen grossen wirtschaftlichen Vorteil dar. «Russland sieht die Möglichkeit, Gebühren für die Nutzung dieser Eisbrecher­flotte zu erheben», sagt Sidharth Kaushal, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Royal United Services Institute (RUSI). «Einer der ehemaligen Minister, Dmitry Rogozin, verglich es mit den Karawanen­routen früherer Zeiten, in denen das Imperium, das die Karawanen­routen kontrollierte, eine Gebühr für die Über­querung erheben konnte. Er machte geltend, dass die russische Flotte und insbesondere deren Eisbrecher diese kommerzielle Rolle übernehmen könnten.»

Grenzt China an die Arktis?

Aber Russland hat einen grossen Konkurrenten: China. 2013 wurde China Beobachter im Arktischen Rat, einem zwischen­staatlichen Forum, das sich mit Fragen der arktischen Regierungen und der Ureinwohner der Region befasst. Derzeitige Mitglieder sind Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Russland und die Vereinigten Staaten. Im Jahr 2018 erklärte sich China zur «arktisnahen Nation» und veröffentlichte ein arktisches Weissbuch, in dem das Potenzial einer polaren Seiden­strasse untersucht wurde. «Dieser Transport­weg würde die Arktis nutzen, die Transit­zeiten verkürzen und die Kosten für den Transport von Waren und Dienst­leistungen von Ost nach West in Eurasien senken», sagt Kaushal.

Die beiden Supermächte müssen nun zusammen­arbeiten oder sie geraten aneinander.

  

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«Der Hintergrund der russischen Expansion in die Arktis ist das Russland-China-Verhältnis», sagt Cleo Paskal, Associate Fellow in der Abteilung Energie, Umwelt und Ressourcen von Chatham House. «Dadurch rücken Russland und China viel enger zusammen. Neuerdings bauen auch die Chinesen Eisbrecher und unternehmen gemeinsame Luft­patrouillen über dem Pazifik.»

«Die Völker­verständigung könnte auf zwei Arten geschehen», erklärt Kaushal. Man könnte voneinander profitieren, in dem China die neuen Strecken nutzt, die von russischen Eisbrechern geräumt wurden. Die Wahrscheinlich­keit, dass Russland für diesen Dienst hohe Gebühren erhebt und die Nord­see­route als Cash Cow nutzt, könnte jedoch auch zu Spannungen zwischen den Ländern führen. «Die andere Frage ist natürlich, welche Rolle China in der Arktis spielen möchte», sagt Kaushal. «Derzeit haben nur die Staaten des Arktischen Rates das Sagen, wenn es um die Bewirt­schaftung der Arktis geht. Nun hat aber China erklärt, dass es ebenfalls ein arktischer Staat sei. Dies steht im krassen Wider­spruch zu Russlands Definition, und insbesondere zu seiner eigenen besonderen Rolle in der Arktis.»

Wenn das Eis schmilzt, schmilzt auch Russlands Schutzschild

Die veränderte Geografie stellt eine wichtige strategische Bedeutung für Russland dar, das eine Reihe von militärischen und wissen­schaftlichen Stütz­punkten in der Region eröffnet hat. «Russland hat damit direkten Zugang zum Pazifik», sagt Paskal. «Jetzt kann seine Flotte über die Bering­strasse bis in den Pazifik vordringen. Der Indopazifik selbst entwickelt sich zu einer schnell wachsenden Zone für neue Ressourcen und erlangt damit eine enorme strategische Bedeutung.» Die Entwicklung könnte Russland aber auch schwächen. «Traditionell verschanzt sich die Atom­flotte in arktischen Bastionen rund um Orte wie Murmansk, die für die meisten Schiffe kaum zugänglich sind und einen ziemlich sicheren Parkplatz für deren Atom-U-Boote darstellen», sagt Kaushal.

«Wenn das arktische Eis schmilzt, wird auch Russlands Schutzschild dünner.»

Der Klimawandel eröffnet neue Geschäfts­felder. Einem Bericht der britischen Regierung zufolge konzentriert sich das Wirtschafts­wachstum in der Arktis auf vier Schlüssel­sektoren: Boden­schätze, Fischerei, Logistik und Tourismus. Für all das werden Schiffe benötigt und somit könnte die Arktis in den nächsten zehn Jahren Investitionen in Höhe von 100 Mrd. USD (76 Mrd. GBP) oder mehr generieren. Ausserdem wird das Abschmelzen der Pol­kappen neue Fischerei­gründe erschliessen.

Das Rennen um Ressourcen

Alle diese Faktoren eröffnen ein Rennen um die Ressourcen, insbesondere für Energie­quellen wie Öl und Gas. «Ein sehr bedeutender Teil der russischen Energie­reserve und der potenziellen Explorations­möglichkeiten liegt am arktischen Meeres­boden», sagt er. «Die grossen staatlichen russischen Unternehmen wie Rosneft und Gazprom wollen die Gewinnung und den Verkauf dieser Vermögens­werte entweder monopo­listisch oder nahezu monopo­listisch kontrollieren.»

Noch sind die neuen Schiff­fahrts­routen kaum mehr als ein kühner Plan. «Die arktischen Gewässer sind sehr schwierig zu befahren und die Versicherungs­kosten sind sehr hoch», sagt Stephanie Pezard, Senior Politologin bei der RAND Corporation, einer amerikanischen Denk­fabrik. «Es ist also noch nicht der grosse Boom, der hier erzeugt wird. Wenn man sich die tatsächliche Anzahl der Schiffe auf dieser Route ansieht, ist sie noch sehr klein.»

Dazu kommt, dass es viele Menschen gibt, die bereits in der Region leben. «Die Arktis ist nicht leer. Die arktischen Völker wissen geopolitisch sehr genau, was vor sich geht und wie sich Entscheidungen in Moskau, Washington oder Peking auf ihr Leben auswirken», sagt Paskal. «Und je nach Land werden sie eine grössere oder kleinere Rolle dabei spielen, um mit­zu­bestimmen, was möglich ist was nicht.»

  

 

  

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