Bleiben Sie zuhause – bleiben Sie produktiv

Insights , Coronavirus , Technologie 20.04.2020
Lesezeit: 4 Minute(n)

Ein Virus hat den Begriff «Arbeitsplatz» komplett neu definiert

Früher war es ein Luxus, von zuhause aus arbeiten zu können. Mit dem Coronavirus, das Millionen von Menschen in die Selbstisolierung zwingt, ist Homeoffice eine Notwendigkeit geworden. Eine Win-win-Situation für Arbeitgeber und Arbeitnehmende?

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Den Chef am Bildschirm, der Arbeitsplatz zuhause. Nach der Krise könnte das zur Dauerlösung werden. © GettyImages

Wie hat sich unsere Produktivität während der Coronavirus-Pandemie durch die Abhängigkeit von Online-Tools wie Slack, Zoom oder Workspaces verändert? Und jetzt, da wir uns voll und ganz an die Idee des Arbeitens von zuhause gewöhnt haben – wird sich dadurch das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern tatsächlich verbessern? «Diese Veränderung ist beispiellos», sagt Stuart Templeton, UK-Chef des Messaging-Dienstes Slack. Am 10. März verzeichnete sein Unternehmen zehn Millionen angemeldete Benutzer, am 25. März waren es 12,5 Millionen. Vom 1. Februar bis zum 25. März gewann Slack 9.000 neue zahlende Kunden hinzu, was eine 80-prozentige Steigerung an Nutzern im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Quartalen bedeutet. Dies führte auch zu einem Anstieg der gesendeten Nachrichten – ein Plus von 20 Prozent.

Vertrauen ist wichtig

Aber während es verlockend ist, sich Millionen von albernen Slack-Nachrichten anzusehen, mit denen Kollegen über lokale Toilettenpapierlieferungen oder den Fortschritt der Zuhause-Schule ihrer Kinder informiert werden, besteht Templeton darauf, dass ein Anstieg der nicht arbeitsbezogenen Nachrichten auch sehr gesund ist und die Arbeitgeber dies auf eine intelligente Art und Weise tolerieren sollten. Seiner Meinung nach müssen Unternehmen weg von der fast schon religiösen Überwachung der Arbeitsstunden ihrer Mitarbeiter und stattdessen hin zu einem flexibleren Umgang mit den Prioritäten des Arbeitsalltags. Dies sei gut für das psychische Wohlergehen der Menschen. «Sich Zeit zu nehmen, um sich mit seinen Kollegen über private und dienstliche Themen zu unterhalten, ist entscheidend für ein gesundes und funktionierendes Arbeitsumfeld», sagt er. «Beschränken Sie sich nicht nur auf dienstliche Themen. Rufen Sie Ihre Kollegen an, organisieren Sie eine Videokonferenz und gönnen Sie sich zu Beginn jeder Sitzung ein wenig mehr Zeit, um sich mit allen über ihr Wohlergehen zu unterhalten. Um diese Pandemie zu überstehen, müssen Organisationen ihren Mitarbeitern vertrauen und sich in erster Linie auf die Ergebnisse und nicht auf die aufgewendete Zeit konzentrieren».

Wie produktiv sind wir von zuhause aus?

Joshua Zerkel, Chef der Management-Plattform Asana, sagt, dass die Menschen mehr denn je in Verbindung bleiben müssen – «ohne dieses Gefühl verlieren wir schnell die Motivation und könnten uns abgeschnitten fühlen». Seiner Meinung nach könnte sich in Zukunft die Art und Weise grundlegend ändern, wie Angestellte miteinander kommunizieren. Und das könnte noch lange nach dem Coronavirus anhalten und wird Arbeitsplätze attraktiver machen.

Scott Wark, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für interdisziplinäre Methoden der Universität Warwick, glaubt jedoch, dass ein Grossteil dieses guten Willens von Arbeitgeberseite verschwinden wird. Eben dann, wenn man die Gefahr sieht, dass die Produktivität darunter leiden könnte. «Einige Menschen werden mit diesem Wandel sehr gut zurechtkommen, während andere nachlassen werden, weil sie dann mehr plaudern als arbeiten. Jede Gewohnheit muss sich eben erst einspielen». Er argumentiert, dass es zwar aus sozialer Sicht gut ist, alle Mitarbeiter durch Slack oder Microsoft Team miteinander zu verbinden, aber dass dies einigen Leuten nicht wirklich helfen würde, besser zu arbeiten. «Werden also unsere Arbeitsplätze künftig darüber entscheiden, ob wir produktiv genug sind?»

  

Vertrauen und Kontrolle

Die Technik-Anbieter versuchen seit Jahrzehnten, Homeoffice-Lösungen anzupreisen. Wark erwartet, dass das Coronavirus die Zahl der Unternehmen beschleunigen wird, die sich dafür entscheiden. Vor allem, weil sie dadurch in den kommenden Jahren ihre Betriebskosten senken und die wirtschaftlichen Verluste der Pandemie verringern können. Aber Wark warnt davor, dass dies auch negative Folgen haben könnte. Beispielsweise, dass man sich zuhause mehr an den Laptop gefesselt sähe, als in einem Büro voller Ablenkungen. Und, dass viele Angst haben könnten, auch mal eine Pause zu machen. «Es könnte zu einer massenhaften Verbreitung von Überwachungstechnologien kommen, die überprüfen, wie viel wir tun und wann», warnt er. «Wenn mehr Menschen von zuhause aus arbeiten, werden deren Arbeitgeber eventuell noch paranoider werden, ob ihre Angestellten auch wirklich fleissig genug sind. Dieser Mangel an Kontrolle, glaubt er, wird nicht bei allen Arbeitgebern gut ankommen.

Mehr Produktivität

Nach Untersuchungen des Marktforschungsinstituts Forrester glauben 69 Prozent der Beschäftigten, die schon vor der Pandemie mindestens vier Tage pro Woche von zuhause aus gearbeitet haben, dass sie damit produktiver seien. Doch laut Forrester-Analyst Andrew Hewitt wären Unternehmen «dumm», wenn sie erwarten würden, dass das gleiche Produktivitätsniveau auch jetzt noch erreicht wird.

«Der Einzelne nimmt sich zuhause mehr Zeit, um mit den Kollegen über die Auswirkungen des Virus zu diskutieren oder einfach nur um zu plaudern», erklärt er. «Was die meisten Menschen vermissen, ist das Gefühl, näher zusammenrücken zu können. Es wäre töricht, in einer Zeit der extremen Ängste das gleiche Produktivitätsniveau zu erwarten. Die Menschen brauchen zusätzliche soziale Ressourcen, um die neuen Anforderungen bewältigen zu können».

Jetzt, da die Arbeitgeber gezwungen sind, mit dem Umstand zu experimentieren, wie Massenarbeit aus der Ferne aussähe, könnte sich unser Verhältnis zum Büro für immer ändern. Ein ganzes Unternehmen, das von zuhause aus arbeitet, existiert nicht mehr nur in der Theorie, sondern könnte zur Praxis werden. Wie auch immer das Ergebnis aussehen mag, eines ist für Slack's Templeton sicher: In den 2020er Jahren erwartet er, dass das Coronavirus einen Wendepunkt darstellt, der Unternehmen davon überzeugt, dass das Arbeiten aus der Ferne voller Vorteile ist. «Es ist Teil eines umfassenderen Mentalitätswandels: von der Konzentration auf die Arbeitsstunden, bis hin zur Bewertung der Ergebnisse. Es geht nicht darum, weniger zu arbeiten, sondern sich auf die Ergebnisse in der aufgewendeten Zeit zu konzentrieren».

Muss jedes Meeting sein?

In Ordnung. Aber Asana und Slack verdienen beide mit der Heimarbeit. Vor allem Slack, dessen Aktienkurs infolge des Coronavirus in die Höhe geschossen ist. Für Wark jedoch werden die Veränderungen letztlich subtiler vonstatten gehen. Unser verändertes Arbeiten wird im Zusammenhang mit dem Coronavirus auch unsere Denkweise bezüglich der Klimakrise beeinflussen. «Es gibt einen Post, der sich in den sozialen Netzwerken verbreitet hat: ‹Jetzt wissen wir, welche Meetings wir per e-mail hätten abhalten können›. Aber auch andersherum: ‹Jetzt erfahren wir, wann wir uns besser zusammengesetzt hätten.› Ich denke, wir werden viel über die Art und Weise lernen, wie wir miteinander kommunizieren», sagt Wark. «Künftig werden wir auch länger überlegen, ob wir überhaupt zu einer Veranstaltung einladen. Und wir werden uns die gesundheitliche und ökologische Frage stellen, ob wir dafür unbedingt alle am selben Ort sein müssen».



Über den Autor:

Thomas Hobbs ist Redakteur von Wired UK. Sein Text erscheint hier im Rahmen unserer Publishing Partnership mit Wired UK.

  

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