«Manche strahlen erst, wenn man sie unterstützt»

Identität 09.10.2017
Lesezeit: 4 Minute(n)

Auszug aus einem Interview mit Colette Camenisch, Fachärztin für ästhetische Chirurgie

Dr. med. Colette Camenisch ist leitende Ärztin der Clinic Beethovenstrasse in Zürich. Im Vontobel Interview begründet sie, warum sie Behandlungen manchmal verweigert. Und was es heisst, in der eigenen Haut plötzlich sich selbst zu sein.

Dr. med. Colette Camenisch

Dr. med. Colette Camenisch ist Spitzenchirurgin für plastische, rekonstruktive und ästhetische Behandlungen. © Foto: claudialarsen.ch

Sie operiert an Stellen, über die man nicht gerne spricht. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn ein Behandlungswunsch gegen ihre ethischen Grundsätze verstösst. Denn die Idealvorstellungen ihrer Patienten sind nicht immer unter dem Skalpell zu finden. Colette Camenisch ist nicht einfach eine ästhetische Spitzenchirurgin. Sie sieht ihre Aufgabe als erfüllt an, wenn Patienten sich mit ihrem Körper identifizieren und sich selbst annehmen können. So entscheidend wie ihre technisch-handwerklichen Fertigkeiten ist dabei die psychologische Betreuung der Patienten.

Frau Dr. Camenisch, was ist für Sie Schönheit?
Was ich als schön empfinde, ist nicht wichtig. Ich erfasse meine Patienten, wie sie sind. Dann versuche ich, das für diese Person Optimale zu schaffen. Das ist mein Schönheitsideal.

Wie beeinflusst Ihre Arbeit die Identität eines Menschen?
Ich differenziere nicht zwischen innen und aussen. Ist ein Mensch glücklich und motiviert, empfinde ich ihn als attraktiv. Ein Mann, der männliche Attribute wie Selbstsicherheit und Souveränität ausstrahlt, wirkt auf Frauen attraktiv, auch wenn er nicht einem gängigen Schönheitsideal entspricht.

Also kommt Schönheit von innen?
Es ist ein Zusammenspiel, davon bin ich überzeugt. Es gibt eine Studie aus der Psychiatrie, bei der man der einen Hälfte der Probanden die Zornesfalte behandelt hat, bei der anderen Hälfte hat man sie belassen. Die Erkenntnis: Die behandelten Patienten benötigen weniger Antidepressiva. Das ist ein Beweis, dass man sich besser fühlt, wenn man besser aussieht.

Finden Ihre Patientinnen dennoch ein Stück ihrer Identität unter dem Skalpell?
Nein. Ich kann dazu beitragen, wie sich jemand fühlt. Aber ich kann nicht beeinflussen, wer jemand ist. Manchmal strahlt jemand erst dann, wenn man sie oder ihn dabei etwas unterstützt. Ich verändere anatomische Probleme, damit ein Mensch einen besseren Zugang zu seiner Identität findet. Wenn das gelingt, habe ich meine Arbeit gut gemacht.

Ein Beispiel aus Ihrer Praxis …
Vor kurzem habe ich einer Frau ihre Brust verkleinert, die sehr auffällig und für sie belastend war. Als ich ihr den Verband abnahm, weinte sie vor Freude. Das war ein sehr emotionaler Moment. Ich spürte, dass die Frau im Spiegel sich erstmals seit Jahren mit ihrem Körper identifizieren und sich annehmen konnte.

Wie lange dauert diese Zufriedenheit an?
Das kommt auf die Art des Eingriffs an. Die gerade genannte Patientin wird wohl keine weiteren Eingriffe vornehmen lassen. Andere Patienten kommen alle sechs Monate zu mir, um die Zornesfalte spritzen zu lassen.

Wann kommt der Punkt, an dem sich Ihre Patientinnen so akzeptieren, wie sie sind?
Irgendwann wird einigen der Aufwand zu hoch. Das Äussere wird zudem zweitrangig, sobald jemand an einer Krankheit leidet. Wenn ein Patient Schmerzen hat oder lebensbedrohlich erkrankt ist, spielen Schönheit und Attraktivität keine grosse Rolle mehr.

Behandeln Sie auch Menschen, die aus Ihrer Sicht keine Behandlung nötig haben?
Es ist sehr schwierig, nahezu makellosen Menschen eine Behandlung zu verweigern. Ich habe es jedoch schon getan. Gerade ist eine Patientin zu mir gekommen, weil ich ihre Freundin nicht behandelt habe. Sie hat dadurch Vertrauen in mich gefasst. Ich arbeite nach meiner eigenen Ethik und nach meinen eigenen Grenzen. Damit habe ich sicher auch schon Menschen verletzt.

Wenn eine Schönheitsexpertin keinen Handlungsbedarf sieht, müsste sich die Kundin doch freuen …
Das könnte man meinen. Aber diese Patienten fühlen sich von mir in diesem Moment nicht ernst genommen. Oft nehmen sie sich selbst nicht als schön wahr und haben ein verzerrtes Bild von sich selbst. Dann komme ich und sage ihnen, sie seien perfekt. Sie fühlen sich nicht verstanden.

Schönheitschirurgie scheint trotz stark zunehmender Nachfrage ein grosses Tabuthema zu sein.
Dazu trage ich bestimmt nicht bei (lacht)! Auch wenn ich mit meiner Offenheit schon einige Male auf die Nase gefallen bin. Aber ich durfte dank Feministinnen Medizin studieren und darf heute meine eigene Klinik führen. Ich trage dazu bei, dass Frauen sich wohlfühlen – auch wenn ich an Stellen operiere, über die man nicht gerne spricht.

Kommen auch Männer zu Ihnen?
Gott sei Dank! (lacht) Aber noch viel zu wenige. Nur 10% meiner Patienten sind Männer. Die Tendenz ist jedoch steigend. Ich finde, Männer dürfen sich auch etwas anstrengen in Bezug auf ihr Aussehen. Es reicht nicht, ein grosses Portemonnaie zu haben und erfolgreich zu sein.

Wo steht Ihre Branche in 20 Jahren?
Künftig werden wir viel eher mit körpereigenem Material arbeiten – zum Beispiel mit Eigenfett und mit Stammzellen. Vielleicht kann künftig so operiert werden, dass Narben weniger sichtbar sind als heute. Und ich glaube fest an den ganzheitlichen Ansatz. Ein geeignetes Resultat erreicht man nur im Zusammenspiel verschiedener Disziplinen.

Wird man den Alterungsprozess bald aufhalten können?
2009 haben die Entdecker des Enzyms Telomerase den Nobelpreis für Medizin erhalten. Sie fanden heraus, dass dieses «Unsterblichkeitsenzym» in gewissen unserer Zellen vorkommt und diese reparieren kann, wenn sie altern. Vielleicht werden wir mit dieser Erkenntnis den Alterungsprozess irgendwann beeinflussen können.

Zur menschlichen Identität gehört auch unsere Endlichkeit. Wie gehen Ihre Patienten damit um?
Das Sterben per se ist nicht das Problem. Meine Patienten möchten gesund und mit einer gewissen Würde altern. Man muss nicht ewig leben. Aber die Zeit, die man hat, möchte man gesund und aktiv erleben. Ich werde nie mit dem Wunsch nach dem ewigen Leben konfrontiert.

Lesen Sie das ganze Interview mit Dr. Colette Camenisch im «Impact 2017/18» zum Thema «Identität»
 

Über Dr. med. Colette Camenisch

Dr. med. Colette Camenisch ist Fachärztin für Chirurgie und Fachärztin für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Sie arbeitete an den renommierten Akademikliniken in Stockholm und an der Klinik «Pyramide am See» in Zürich. Seit April 2017 ist Dr. Camenisch leitende Ärztin der «Clinic Beethovenstrasse» in Zürich. Sie hat sich spezialisiert auf Brustchirurgie, die weibliche Intimchirurgie und die ästhetisch-chirurgische Gesichtsverjüngung.

Wer sind wir? Was macht uns aus? Die Frage nach unserer Identität bewegt die Gesellschaft. Antworten sucht die Kunst, die Wissenschaft, die Politik und jeder einzelne von uns. Der Gastbeitrag von Dr. med. Colette Camenisch ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das Thema Identität aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten.