Neue Technologien fürs neue Jahr

Digitalisierung 05.02.2020
Lesezeit: 6 Minute(n)

Dies sind die grössten technischen Neuerungen, die wir für 2020 erwarten dürfen. Von Bio-Engineering bis zu nachhaltigem Investment

2020 wird das Jahr sein, in dem sich die Technologie mit einigen der grössten Herausforderungen auseinandersetzt und Unternehmen beginnen werden, ihre Werte und Prioritäten neu auszurichten. Hier lesen Sie, was Sie von Unternehmen, Technologien und Wissenschaft erwarten können.

©Vontobel | Greg Williams, Chefredakteur von Wired UK, über die redaktionelle Partnerschaft mit Vontobel

Ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit

In den vergangenen zwei Jahren haben verschiedene Faktoren dazu beigetragen, die Geschäftsgrundlage zahlreicher grosser Unternehmen in Frage zu stellen. Die Klimakrise, die MeToo-Bewegung, das gestiegene Bewusstsein für Einkommensungleichheit und das Verständnis, dass Vielfalt und Inklusion nicht nur ein Element der CSR-Checkliste (Corporate Social Responsibility) sind. Das alles sorgte dafür, dass grosse Unternehmen ihre Grundwerte teilweise komplett neu bewerten mussten. Und das weit über den Shareholder Value hinaus.
Im August letzten Jahres veröffentlichte Business Roundtable - eine in Washington D.C. ansässige Vereinigung, zu deren Mitgliedern die CEOs der grössten Unternehmen in den USA zählen - ein Manifest, das Kunden und Mitarbeiter in ihrer Bedeutung vor die Aktionäre stellte und zu Vielfalt und Inklusion aufrief.
2019 war auch eine Zunahme der Aktivitäten von Mitarbeitern grosser Technologieunternehmen zu verzeichnen, die sich Sorgen über die ethischen Auswirkungen ihrer Technologie und die Untätigkeit der Aufsichtssräte von beispielsweise Amazon machten, sich zu Themen wie dem Klimawandel sinnvoll zu äussern. In der Zwischenzeit wächst die B Corp-Bewegung - Unternehmen, die Profit anstreben, aber nach Umwelt- und Sozialstandards zertifiziert sind - weiter und zeigt, dass ein klarer ökologischer, sozialer und verantwortungsbewusster Ansatz dazu beitragen kann, das Wachstum voranzutreiben, das Engagement der Mitarbeiter zu steigern und Organisationen zu fördern, die für Investoren attraktiv sind.
In diesem Jahr wird es wahrscheinlich zu noch mehr dieser Bestrebungen kommen, da die institutionellen Anleger unter Druck gesetzt werden, ihr Portfolio CO2-frei aufzustellen. Kluge Arbeitgeber werden ihre Einstellung ändern, um das Wohlergehen der Mitarbeiter als Investition und nicht als Kosten anzusehen. Verbraucher werden Marken bevorzugen, die zu Themen wie Umwelt, Vielfalt und ethischen Praktiken Stellung beziehen auf. 2020 markiert das, was die Vereinten Nationen als „Dekade der Lieferung“ für ihre nachhaltigen Ziele definiert haben. Dies bedeutet, dass wir eine zunehmende Verlagerung auf die Werte der Corporate Social Responsibility erleben werden - nicht nur, weil es das Richtige ist, sondern weil es der Schlüssel für wachsende Marktanteile und Rentabilität sein wird.

Gewinn ist das neue Wachstum

Im November 2019 gab Uber-CEO Dara Khosrowshahi bekannt, dass ihr Geschäft im Jahr 2021 einen Gewinn aus dem sogenannten „bereinigten Ergebnis“ (d.h. vor Zinsen, Abschreibungen und Amoritisierung) erzielen werde. Diese Nachricht muss den Uber-Aktionären gut gefallen haben, obwohl sie bereits Ende 2019 von den höheren Einnahmen profitiert haben. Das Startup ist und bleibt jedoch die beste Möglichkeit, um Geld zu verbrennen. Die Aktie verliert permanent an Wert und verzeichnete im zweiten Quartal einen Verlust von fünf Milliarden Dollar. Doch ähnlich wie bei WeWork sind Risikokapitalgeber nach wie vor bereit, ein verlustbringendes Geschäft zu subventionieren. Aber wie lange noch?
Khosrowshahi und der Vorstand von Uber stehen vor der grossen Herausforderung, mit der sich viele andere Technologieunternehmen mit fragwürdigen Bewertungen im Jahr 2020 auseinandersetzen müssen. Das heisst, eine Strategiewende weg vom Fokus auf Wachstum, hin zu einem auf Gewinn. Die Verluste von Uber sind auf deren aggressive Expansion in mehreren Märkten zurückzuführen. Ein Weg zur Profitabilität beinhaltet wahrscheinlich einen ganz anderen Ansatz: Sie müssen sich aus einigen Regionen zurückziehen, in denen sie nicht gewinnen können und sich auf diejenigen konzentrieren, in denen sie Profit machen. Dazu kommen kostspielige Grabenkämpfe um Dienstleistungen wie der Lieferung von Lebensmitteln, oder indem sie versuchen, mit gut finanzierten Startups wie DoorDash und Deliveroo zu konkurrieren.
Die Verwundbarkeit von Uber beruht auf der Tatsache, dass sein Geschäftsmodell keinerlei Exklusivität beinhaltet. Das Unternehmen besitzt keine Vermögenswerte und beschäftigt vergleichsweise nur wenige Mitarbeiter. Dazu kommen zahlreiche regulatorische Herausforderungen, sowohl von nationalen Regierungen, als auch von den lokalen Behörden. Dennoch ist Uber in vielen Ländern Markführer. Im kommenden Jahr werden viele andere hochkarätige Tech-Einhörner vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Sie werden gut daran tun, sich darauf zu konzentrieren, kleinere und profitable Unternehmen zu sein, als grössere mit viel Phantasie.

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©Wired

Elektrofahrzeuge überall

Eine der grössten Ankündigungen des Jahres 2019 in der Automobilbranche fand nicht beim jährlichen Branchentreff, der IAA in Frankfurt, statt, sondern in der Nacht zuvor, als Volkswagen ein neues Fahrzeug vorstellte. Der neue elektrische VW könnte es in Sachen Stückzahlen vielleicht bald mit dem Käfer oder dem Golf aufnehmen. Der ID.3 ist das erste reine Elektrofahrzeug des Unternehmens und seine Hardware wird bis 2028 die Basis für 15 Millionen Fahrzeuge anderer Marken des Wolfsburger Unternehmens - wie Audi, Skoda und Seat - sein.
Volkswagen ist nicht allein, wenn es um Elektrofahrzeuge geht. So gut wie jeder grosse Hersteller führt Serien-Elektrofahrzeuge ein, die von Grund auf neu entwickelt wurden und eine breite Schicht von Verbrauchern ansprechen. Pick-up-Trucks, Familienlimousinen oder SUVs. In Europa wird in den ersten neun Monaten des Jahres 2020 dank staatlicher Subventionen in Ländern wie Deutschland ein Anstieg des EV-Absatzes um 35 Prozent erwartet. Und das, obwohl China als weltweit grösster EV-Markt rückäufig ist. Die Herausforderungen bleiben bestehen: Viele Verbraucher sind nach wie vor besorgt über den Mangel an Ladeinfrastruktur und fürchten die Wiederwahl des Benzin-freundlichen Präsidenten Trump im November, die den Absatz von Elektrofahrzeugen beeinträchtigen würde.

  

Die Geopolitik des Splinternets

Die Digitalisierung der Volkswirtschaften brachte die Idee mit sich, jemanden in Island einzustellen, der sich um Ihren Server kümmert, Ihren Versand von Estland aus kontrolliert, Backoffice-Aufgaben nach Indien auslagert und Ihre Produkte in einer chinesischen Fabrik herstellt, die Sie noch nie besucht haben. Die Welt, so hiess es, würde kleiner und flacher.
Während dies bis zu einem gewissen Grad auch 15 Jahre nach der Veröffentlichung von Thomas Friedmans "The World is Flat" der Fall ist, könnte sich das Aufbrechen der Beziehungen zwischen den USA und China, der Aufstieg des Populismus in Europa, die Isolierung der Vereinigten Staaten, das nationalistische Indien und Russland möglicherweise selbst aus dem globalen Netzwerk entkoppeln und zu einem Bruch der internationalen Datenstränge führen.
Die Wissenschaftler Kieran O'Hara und Wendy Hall haben festgestellt, dass es fünf mögliche Versionen des Internets gibt: die Silicon Valley-Version mit freiem Datenfluss als philosophisches und technisches Ideal; eine Brüssel-Version, die die Freiheit schätzt, aber strenger reguliert ist und den Verbraucherschutz miteinbezieht; ein rein kommerzielles Internet, das sich für den freien Markt einsetzt; bis hin zu einer väterlichen Version in Peking und zu einem Moskauer „Spoiler-Modell“, das den freien Datenfluss für sich ausnutzt.
Mit dem Boykott der Huawei-Technologie durch die USA und dem Verbot von Tik Tok auf Mobiltelefonen, der Zunahme von Vorschriften aus Brüssel und Berlin, den Fällen, in denen Regierungen verlangen, dass Benutzerdaten auf lokalen Servern gespeichert werden, und der Abkopplung des Vereinigten Königreichs von der EU-Technologie wird das Netz im Jahr 2020 zunehmend zum geopolitischen Spielfeld.

Bio-Engineering

Die letzten 20 Jahre waren geprägt von der stetigen Entwicklung der Informationstechnologie: Grafische Benutzeroberflächen, die Entwicklung der Disketten- und PC-Ära, die Cloud-Lösungen, Smartphones, und schliesslich die Anwendungen der künstlichen Intelligenz. In den kommenden zehn Jahren werden wir ähnliche Fortschritte in der Biologie sehen, die sich von einer wissenschaftlichen zu einer ingenieurwissenschaftlichen Disziplin wandelt. So wie der Halbleiter in den 1960er und 1970er Jahren im Silicon Valley entwickelt wurde, wird das, was in den kommenden zehn Jahren in der Biologie passieren wird, unsere Welt digitalisieren.
Zwar ist die Entwicklung eines Milliarden Jahre alten Systems äusserst komplex, doch Durchbrüche wie CRISPR, Genomik und die Anwendung maschinellen Lernens zur Erkennung von Krebserkrankungen werden es den Forschern ermöglichen, eine technische Denkweise in der Biologie zu implantieren. Zum Beispiel hat die moderne Medizin in grossem Umfang Operationen, Chemotherapie, Bestrahlung und Medikamente zur Behandlung von Krebs eingesetzt. In den letzten Jahren wurde jedoch mit Erfolg eine Immuntherapie eingesetzt, die das körpereigene Immunsystem bei der Bekämpfung von Tumoren stärkt. Zwei Car-T-Cell-Therapien zur Behandlung von Leukämie wurden von der FDA in den USA zugelassen, und andere Formen der Immuntherapie sind bereits vielversprechend.


Einer der Vorteile der technischen Anwendungen besteht darin, dass die Kombination von Werkstoffen, Chemie, Elektrik, Mechanik und Daten völlig neue Ergebnisse erzielen. Und nicht nur in der Medizin. Wie Professor und Investor Vijay Pande in unserem jährlichen Trendbericht WIRED World 2020 schreibt, wird sich die Biologie komplett verändern: Die Art und Weise, wie wir Lebensmittel produzieren, die Schaffung von Schutzschalen auf Früchten, bis hin zu pflanzlichem Fleisch. Herstellungsprozesse werden unter Verwendung der natürlichen Prozesse entwickelt, um globale Probleme wie Lebensmittelverschwendung, Überfischung und die toxischen Nebenwirkungen der industriellen Landwirtschaft anzugehen. Darüber hinaus kann Bio-Engineering eingesetzt werden, um neue Materialien zu schaffen und selbst Gebäude „wachsen“ zu lassen. Unsere Welt blüht auf.



Über den Autor

Greg Williams ist Chefredakteur von WIRED, UK

  

Wer sind wir? Wie leben wir heute? Und wie wird der Klimawandel unser Leben verändern? Die Frage nach der Zukunft bewegt die Gesellschaft mehr denn je. Antworten suchen Ingenieure, Mediziner, Politiker und jeder einzelne von uns. Der Report über die wichtigsten Entwicklungen in 2020 ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das Thema «Digitalisierung» aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten. Wir publizieren ihn hier als Teil unserer Serie «Impact».