Smart Cities

Digitalisierung 30.04.2019
Lesezeit: 5 Minute(n)

Die Stadt von morgen denkt mit

Die Stadt der Zukunft ist vernetzt, ökologisch, lebenswert. Aufgrund von Landflucht und Bevölkerungswachstum führt an dieser Zukunftsvision kein Weg vorbei. Nicht zuletzt sind Smart Cities auch wirtschaftlich hochinteressant. Auf 400 Milliarden Euro weltweit wird der Markt für Stadtentwicklung geschätzt.

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Die Best-of Metropole Songdo City in Südkorea ©️songdoibd.com

Schon heute lebt in Industrieländern etwa die Hälfte der Bevölkerung in Städten. Jede Woche kommen etwa eine Million Menschen hinzu. Geht dieser Trend weiter – und nichts spricht dagegen – werden es 2050 mehr als sechs Milliarden Menschen sein. Ein Jahrtausende alter Prozess wäre nahezu abgeschlossen: die Urbanisierung, angefeuert von massiver Landflucht und einer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung in grossen Schwellenländern, vor allem Indien und China.

Städte werden also voraussichtlich etwa 70 Prozent der Menschen beherbergen, nehmen aber nur etwa zwei Prozent der Erdoberfläche ein. Eine enorme Herausforderung für Infrastruktur, Energiewesen und die Versorgung der Bewohner. Doch schon heute gibt es weltweit Beispiele dafür, wie das Projekt Smart City in Zukunft gelingen kann.

«Städte werden also voraussichtlich etwa 70 Prozent der Menschen beherbergen, nehmen aber nur etwa zwei Prozent der Erdoberfläche ein.»

Vontobel Impact - Smart City South korea Songdo City
Die Best-of Metropole Songdo City in Südkorea ©️songdoibd.com

Totale Vernetzung: Songdo City, Südkorea

Die Zukunft hat in Südkoreas Freihandelszone Incheon bereits begonnen. Experten, Architekten und Investoren aus aller Welt haben hier eine Modellstadt errichtet: Songdo City, neu erbaut auf sechs Quadratkilometern Land, das dem Gelben Meer abgetrotzt wurde. Geplanter Abschluss der dritten und letzten Bauphase ist 2020. Die Stadt selbst: Eine Best-of Metropole. Das höchste Gebäude, der North East Asia Trade Tower, erinnert stark an den Freedom Tower des neuen World Trade Centers in New York, das Convention Center an die Oper in Sydney und die grüne Lunge nannte man kurzerhand gleich «Central Park». 40 Prozent der Stadtfläche sind Parks und Gärten.

In Songdo wurde umgesetzt, was eine wichtige Voraussetzung für wahre Smart Citys ist: Eine vorbehaltlose Unterstützung des Internets der Dinge. Also die Vernetzung aller Geräte untereinander zum permanenten Datenaustausch. In Songdo sind Wohnungen, öffentliche Einrichtungen, Industriebauten, ja, das gesamte öffentliche Leben in ein gemeinsames Netzwerk eingebunden, die Bewohner werden dadurch einer permanenten Datenerhebung unterzogen. Das totale Netzwerk für zukünftig 70.000 Menschen.

Praktisch das gesamte öffentliche Leben lässt sich mit einer einzigen Keycard bestreiten – sie ist Haustürschlüssel, Fahrkarte und Bezahlmöglichkeit. Die Stadt nutzt die Daten zur Energieoptimierung und auch zur Erziehung der Bevölkerung bis hin zum bewussten Umgang mit Ressourcen. In den Wohnungen sind Monitore angebracht, die den Bewohner loben oder ermahnen – je nachdem, ob er die ehrgeizigen Energiesparziele erreicht oder nicht. Songdos Ziel ist, 30 Prozent effizienter als alle anderen Städte zu werden.

Grüne Verkehrspolitik: Wien, Österreich

Viele zukünftige Smart Cities haben im Gegensatz zu Songdo einen entscheidenden Nachteil: Es gibt sie bereits in herkömmlicher Form. Die alten Städte müssen deshalb andere Wege finden, um Smart Cities zu werden. Das ist besonders schwierig in Sachen Verkehr, denn ihr Strassennetz ist meistens ein Ausbau mittelalterlicher Strukturen. Wien hat sich deshalb 2014 einer umfassenden Smart City-Strategie verschrieben. Zentraler Punkt ist der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. Da dieser durch das starke Wachstum der Stadt bei gleichzeitig hoher Akzeptanz in der Bevölkerung aber überlastet zu werden droht, kombiniert Wien den ÖPNV mit der konsequenten Förderung von Elektromobilität und Sharing-Konzepten für Autos und Fahrräder. Ehrgeiziges Ziel: 2050 soll in Wien der gesamte motorisierte Individualverkehr innerhalb der Stadtgrenzen ohne konventionelle Antriebstechnologien funktionieren. Der Anfang ist gemacht: 2020 wird es planmässig bereits mehr als 1000 Ladestationen im Stadtgebiet geben.

Künstliche Intelligenz: Hangzhou, China

Nirgendwo ist der Bevölkerungsdruck so gross wie in China. Das Land reagiert darauf mit einer Smart-City-Offensive. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das «City Brain»-Projekt in der 10-Millionen-Stadt Hangzhou. Das chinesische Onlinekaufhaus Alibaba hat massiv in die Infrastruktur investiert: Kameras und Sensoren im gesamten Stadtgebiet überwachen die Strassenverhältnisse und liefern diese Daten an einen AI Hub, also einen Informationsknotenpunkt, der dann mit Künstlicher Intelligenz die Ampeln an etwa 130 Kreuzungen steuert. Für Pendler sowie Kranken- und Einsatzwagen hat sich die Initiative bereits gelohnt: Sie kommen etwa 50 Prozent schneller voran als in der Zeit, bevor «City Brain» in Betrieb ging.

Allgegenwärtige Digitalisierung: London, Grossbritannien

Nirgendwo auf der Welt sind so viele Fussgänger unterwegs wie am Oxford-Circus in London. Die Stadt hat auf die Besuchermassen reagiert und den Platz hin zu intelligenter Verkehrs- und Fussgängerführung umgestaltet. Investitionsvolumen: Mehr als vier Millionen Euro. Auch das alte U-Bahn-Netz wurde digitalisiert. Was der Stadt geholfen hat bei beiden Projekten: Die Durchdringung der Bevölkerung mit Smartphones. Früher konnten nur mit Hilfe von Ticketautomaten die enormen Ströme an Touristen und Menschen auf dem Weg zur Arbeit nachvollzogen werden. Heute werden von den Menschenmassen Datenmengen geliefert, die von London konsequent zur Optimierung herangezogen werden. Am Oxford Circus wurden anhand digitaler Modelle die Gehsteige und Überwege optimiert. Und in der U-Bahn können unterschiedliche Wege aktiviert werden, um beispielsweise künstlich zu verzögern, dass sich der Bahnsteig überfüllt. Die Stadt geht mit der Nutzung der Daten sehr offen um, sie hat sogar einen Namen für das Programm: Smarter London Together.

Umweltschutz als Wirtschaftsfaktor: Kopenhagen, Dänemark

Die dänische Hauptstadt ist Vorreiter in Sachen Umweltschutz. 2025 will man die erste CO2-neutrale Hauptstadt sein, 2050 völlig unabhängig von fossilen Brennstoffen. Dafür hat sich die Stadt zum «Living Lab» für nachhaltige, grüne Technik ernannt, also zu einem lebenden Labor. Dem Ruf sind viele innovative Unternehmen und Start-ups gefolgt. An jeder Strassenecke sieht man Beispiele für neue grüne Technologie. Von Ampeln mit Solarbetrieb bis zu neuartigen Hybridfahrrädern, die jeder per Smartphone nutzen kann. Im Kopenhagen zeigt sich auch das wirtschaftliche Potential von Smart Cities. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass im weltweiten Markt für Stadtentwicklung ein Marktpotential von 400 Milliarden Euro stecken.

Energieeffizienz pur: Masdar City, Vereinigte Arabische Emirate

Die Retortenstadt bei Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist voll auf Energieeffizienz getrimmt – und das mitten in der Wüste. Autos gibt es hier nicht, stattdessen transportieren Kabinen auf Schienen die Besucher durch die Stadt. Das grösste Problem in Sachen Energieverbrauch in heissen Ländern ist aber die Masse an Klimaanlagen. Beim Bau der Gebäude wurde deshalb alles dafür getan, um so viel natürliche Kühlung wie möglich zu erreichen. An der Windseite stehen die Gebäude weiter auseinander, teils stehen sie auf Stelzen, es gibt kaum Fenster an den Südseiten. Mitten in der Stadt steht ein Turm, der den Wind einfängt, mit Wasserdampf kühlt und per Kamineffekt eine kühle Brise durch die Strasse wehen lässt. Das Massnahmenpaket hat Erfolg: Die Gebäude in Masdar City verbrauchen nur etwa halb so viel Energie wie im Rest der Emirate. Bisher leben hier nur 500 Menschen, doch in ein paar Jahren sollen es 50’000 sein. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen per Technologieexport die Reise um die Welt antreten. Der Gedanke: Wenn es möglich ist hier, mitten in der Wüste, nachhaltig und energieeffizient zu leben, dann ist es überall möglich.

Wer sind wir? Wie leben wir heute? Und wie wird die Digitalisierung unser Leben verändern? Die Frage nach der Zukunft bewegt die Gesellschaft mehr denn je. Antworten suchen Ingenieure, Mediziner, Politiker und jeder einzelne von uns. Der Report von Dominik Schütte ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das Thema «Digitalisierte Gesellschaft» aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten. Wir publizieren ihn hier als Teil unserer Serie «Impact».

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