Die rettende Corona-Impfung: Forschungs-Realität vs. Hoffnung

Insights , Videos , Coronavirus 22.05.2020
Lesezeit: 5 Minute(n)
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Pharmakonzerne und Fachlabore arbeiten weltweit an einem Impfstoff gegen COVID-19. Ein Durchbruch wäre ein «Game Changer» im Kampf gegen weitere Corona-Wellen. Doch damit aus Hoffnung schnell Realität wird, müssen unzählige Zahnräder korrekt ineinandergreifen. Welche das sind? Zwei Expertenbeiträge erklären es und zeigen auf, wie das Risiko von Impfstoffen kontrollierbar wird.

  

Die Weltmedien spekulieren darüber, wann die Coronavirus-Pandemie sich einem Ende zuneigt. Doch höchstwahrscheinlich wird sie so lange nicht vorbei sein, bis wir einen Impfstoff gefunden haben. Die gute Nachricht ist, dass derzeit rund 80 Impfstoffkandidaten in der Entwicklung sind. Die schlechte Nachricht ist, dass es sechs, zwölf oder noch mehr Monate dauern könnte, bis ein Impfstoff tatsächlich marktreif ist. Das ist viel länger, als uns lieb ist – aber doch viel schneller als die fünf, zehn oder sogar zwanzig Jahre, die viele Impfstoffe bisher benötigten, um zugelassen zu werden.

  

Erklär-Video: Schritte auf dem Weg zu einem Impfstoff


Verstehen Sie dank anschaulicher Animationen und Grafiken, welche Herausforderung die Forschenden zu meistern haben. Das Video reflektiert den Forschungsstand von Ende April 2020. Es entstand im Rahmen der Publishing Partnership von Wired UK mit Vontobel. © Wired UK

  

  

Warum die Impfstoff-Suche nicht schneller gehen kann – und soll

Experten-Interview

Damit wir den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen, müssen drei Voraussetzungen gegeben sein: eine noch nie dagewesene Kollaboration einzelner Pharma-Player, entsprechende finanzielle Ressourcen und grosse Flexibilität bei der Handhabung regulatorischer Prozesse.

* Update: Die Zahlen in diesem Interview wurden am 29. Juni aktualisiert, um die neusten Entwicklungen widerzuspiegeln.

  

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PhD Stefan Schneider

Head of Life Sciences im Vontobel Research Team, Molekularbiologe und Chartered Financial Analyst

Stefan, du hast als Molekularbiologe selber jahrelang in der Forschung gearbeitet. Wie ist dieses Tempo überhaupt möglich, das aktuell im Kampf gegen COVID-19 vorgelegt wird? Welche Faktoren wirken als «Tempo-Booster»?

Aktuell kommt uns zugute, dass verschiedene biotechnologische Ansätze existieren, um zu einer effizienten Impfung zu gelangen. Die Erfolgschancen steigen, wenn man nicht nur auf ein Pferd setzt, sondern möglichst allen «Leads» folgt. Stand heute werden über 150 verschiedene Ansätze und Impfkandidaten im Eiltempo vorangetrieben. Unter normalen Umständen würde das nie passieren, da die Welt keine 150 Impfstoffe für eine Krankheit braucht – aber eben, das sind keine normalen Umstände. Weil diese Forschung aber viel Geld verschlingt, decken vermehrt Staaten oder Stiftungen einen Teil des Risikos. Um das Geld sinnvoll einzusetzen, ist die Zusammenarbeit essenziell. Informationen müssen schnell fliessen, um die Erfolgschancen aller Projekte zu erhöhen. Ein viel zitiertes Beispiel liefert die französische Sanofi, die mit der Britischen GlaxoSmithKline zusammenspannt. Die Konzerne zählen zu den wenigen grossen Impfstoffherstellern und sind in diesem Bereich eigentlich Konkurrenten. Die gute Nachricht ist, dass der absolute Wille zur Zusammenarbeit sich von der Entwicklung bis hin zur Impfstoffproduktion durchzieht. Noch während die klinischen Studien laufen, werden Kollaborationen mit Impfstoffherstellern eingegangen. So können diese ihre Produktion starten, sobald ein Produktkandidat erfolgreich getestet wurde.

«Jede Produktionskette ist nur so schnell wie ihr langsamstes Glied.»

Alle drücken aufs Tempo. Kann das noch gut gehen? Oder entstehen dadurch unverantwortbare Risiken? Die Entwicklung von Impfstoffen dauerte ja nicht umsonst mehre Jahre bis Jahrzehnte…

Aufgrund des Zeitdrucks werden Corona-Impfstoffe schneller in die klinischen Tests geschickt und die vorklinischen Test vergleichsweise kurz gehalten. Das wird dazu führen, dass mehr Projekte als üblich in der klinischen Entwicklung scheitern.

Zudem werden die ersten Impfstoffe voraussichtlich an weniger Probanden getestet werden, um Zeit zu sparen – was wiederum weniger Rückschlüsse auf ihre Wirksamkeit und Nebenwirkungen zulässt. Normalerweise optimieren Entwickler die Wirksamkeit von Impfstoffen bereits in der Entwicklungsphase, sodass sie für möglichst viele Menschen einen Impfschutz erzielen. Beschleunigt man diesen Prozess, schlägt die Entscheidung für mehr Tempo letztlich auf die Zulassung durch. Das heisst, Risiken werden an die Zulassungsbehörden weitergereicht. In der Regel benötigen diese ein Jahr, bis sie einen Impfstoff freigeben. Aber auch hier hört man die Forderung, dies solle schneller geschehen. Ein zu hohes Anfangstempo fordert so gesehen direkt die Risikobereitschaft am Ende heraus.

«Noch schlimmer als späte Daten sind unge­ordnete Daten.»

Blicken wir von den US-Erfolgen in Richtung China: Dem Land wird vorgeworfen, anfangs nur spärlich Daten mit dem Rest der Welt geteilt zu haben. Ganz prinzipiell betrachtet: Welchen Stellenwert hat die instantane Verfügbarkeit von Forschungsergebnissen?

Ich sehe hier zwei Pole, die sich die Waage halten müssen. Einerseits ist es essenziell, dass Erkenntnisse im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 und COVID-19 möglichst schnell, offen und transparent zugänglich werden. Dem tragen Publikumsmedien wie auch Fachzeitschriften auf breiter Front Rechnung. Viele bieten ihre Corona-Inhalte heute kostenlos an. Andererseits muss trotz allen Zeitdrucks die Validität der Daten sichergestellt sein. Zu Beginn der Pandemie war die Welt stärker abhängig vom Informationsfluss aus China, dem generell ein Glaubwürdigkeitsproblem anhaftet. Aber auch Forscher aus anderen Teilen der Welt ernteten Kritik, weil sie ihre Erkenntnisse akribisch für Fachzeitschriften aufbereiteten, statt zeitnah ins Netz zu stellen. Dazu muss man wissen, dass jeder Bericht in einem renommierten Journal zuerst «peer reviewed» wird. Das erfordert Zeit. Aber ohne diese Validierung drohen gerade die wertvollsten Erkenntnisse in einem Meer von zweitklassigen Spekulationen, Meinungen und Beobachtungen unterzugehen. Mit anderen Worten: Auch hier ist es notwendig, dass man sich die nötige Zeit nimmt, um letztlich schneller vorwärts zu kommen.

Sind in Zukunft Zweijahreszyklen auch bei der Impfstoffinnovation das Mass der Dinge? Oder anders gefragt: Werden diese neuen und schnellen Entwicklungsprozesse zur einer Disruption der ganzen Pharmabranche führen?

Ich denke kaum. Vor allem bei Impfstoffen sollten etwelche Risiken möglichst minimiert werden. Sie sollen schliesslich an gesunde Menschen verabreicht werden, damit diese gesund bleiben.

Nichtdestotrotz rückt derzeit eine neue Impfstofftechnologie in den Fokus, die auch auf längere Sicht einen Zeitgewinn verspricht: die sogenannten «mRNA-» und «DNA-Impfstoffe». Im Gegensatz zu Lebendimpfstoffen mit attenuierten (abgeschwächte) Viren, wird hier genetisches Material des Virus verabreicht, das vom Körper in ein Virusprotein translatiert und vom Immunsystem als fremd erkannt wird. Das löst eine Immunreaktion aus, die dem Körper gleichzeitig Immunität gegen das Virus verleiht. Diese Art von Impfstoff kann viel schneller entwickelt und einfacher produziert werden als herkömmliche Impfstoffe. So schön das alles klingt, muss man hier doch anfügen, dass solche Impfstoffe schon seit vielen Jahren getestet werden. Bislang haben sie im Menschen noch nie funktioniert. Das heisst, die Welt braucht nebst viel Willen vermutlich etwas Glück, dass sich diese neue Technologie tatsächlich in dieser Notfallsituation ein erstes Mal bewährt.

«Ein zu hohes Anfangs­tempo torpediert direkt die Risiko­abwägung am Ende.»

Zum Abschluss eine ganz aktuelle Frage: Wo stehen wir heute? Auch wenn du deine Antwort vielleicht schon morgen präzisieren müsstest: Wie beurteilst du die neusten Entwicklungen mit Blick auf «Moderna», die US Biotech-Firma, die USD 483 Mio. von der US Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) erhielt?

Der Impfstoffkandidat von Moderna ist genau ein solcher mRNA-Impfstoff und zugleich einer der vielversprechendesten im Rennen um einen Coronaimpfstoff. Am Montag, 18. Mai, hat die Firma die ersten klinischen Daten aus einer Phase 1 veröffentlicht. Und es scheint, als ob die ersten geimpften Personen Antikörper gegen den Impfstoff produzieren. Entscheidend ist, dass diese Antikörper neutralisierend sind. Das heisst, diese Antikörper scheinen den acht Probanden Immunität zu verleihen. Das sind vielversprechende Neuigkeiten – und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Nun wird die Phase 2 geplant mit mehr Probanden. Sollten auch die Resultate in Phase 2 positiv ausfallen, würde im Juli die entscheidende Phase 3 starten. Das Ziel der Firma ist – sofern Phase 3 positiv endet –, dass bis Ende Jahr einige hundert Millionen Impfdosen zur Verfügung stehen. Wie man sieht, müssen bis dahin noch einige Puzzleteile an den richtigen Platz fallen. Aber ein erster und wichtiger Stein ist schon mal gesetzt.

 

  

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