Neo-Ökologie: Wozu das alles?

Insights 29.01.2020
Lesezeit: 3 Minute(n)

Das ökologische Bewusstsein scheint derzeit so hoch wie nie zuvor. Wird der Trend diesmal anhalten? Ein Gespräch mit Prof. Dr. André Reichel über die Chancen eines nachhaltigen ökologischen Wandels.

Sie halten die Nachhaltigkeit für das wichtigste Thema des 21. Jahrhunderts. Warum?

Nachhaltigkeit bedeutet Fürsorge für unsere Mitmenschen und die natürliche Mitwelt – heute, morgen und übermorgen. Momentan zeigt sich diese Fürsorge nirgends, wir leben ökologisch auf Kosten zukünftiger Generationen und auf Kosten der Ärmsten. Wenn wir so weitermachen, führt das zu noch grösseren sozialen Verwerfungen. Es ist die Nachhaltigkeit, von der eine friedliche Zukunft abhängt.

Woran liegt es, dass ein mehrheitsfähiges Interesse an Ökologie sich immer nur als kurzfristiger Trend erweist?

Weil ökologisches Verhalten eine ökologische Politik braucht. Und die schmerzt erst einmal, siehe die deutsche Debatte um die CO2-Steuer oder eine Mehrwertsteuer auf Fleisch. Davor schreckt die Politik zurück, weil in Umfragen schlagartig die Zustimmung dafür nachlässt. So verschwinden ökologische Fragen immer wieder von der Bühne.

Was sollte die Politik anders machen?

Eine ökologische Politik muss eingebettet sein in ein Verständnis von Gesellschaft, von Zusammengehörigkeit, von gemeinsamer Zukunft. Ohne ein Mindestmass an visionärer Kraft kann es keine ökologische Politik geben, denn wozu sollten sich die Bürgerinnen und Bürger einschränken? Dieser Wandel wird erst dann realistisch, wenn es eine klare und alle gleichermassen ansprechende Vision einer nachhaltigeren, lebenswerten Gesellschaft gibt.

Ist es das, was die Neo-Ökologie tut?

Die Neo-Ökologie ist der Versuch, die alten Antworten auf ökologische Fragen jenseits von Verzichts- und Untergangsrhetorik neu zu formulieren. Es geht zwar wie früher darum, wie unser Verhalten mit den Belastungsgrenzen eines endlichen Planeten in Einklang gebracht werden kann. Diesmal wird aber nicht nur auf die Technologie gesetzt, sondern die Verzichtsfrage zur Sinnfrage verändert: Wozu Konsum? Wozu Produktion? Wozu Arbeit? Neo-Ökologie stellt also viel fundamentaler die Frage danach, warum wir uns eigentlich verhalten, wie wir es tun und was wir eigentlich lieber tun würden. Erst wenn man die Sinnfrage zur ökologischen Frage hinzunimmt, lassen sich Denk- und Handlungsblockaden auflösen.

Von der Wirtschaft zur Gesellschaft: Warum spricht das Thema Nachhaltigkeit gerade die jüngere Generation an?

Das liegt einerseits daran, dass junge Menschen die Zukunft mit all ihren in der Vergangenheit und Gegenwart verursachten Problemen noch vor sich haben. Sie müssen sich diesen Problemen stellen und können sie nicht auf kommende Generationen abwälzen. Andererseits ist die Jugend nicht korrumpierbar. Soll man einer Schülerin den Job kündigen, den sie nicht hat? Die Rente kürzen, die sie nicht bekommt? Deswegen geht die Jugend bei «Fridays For Future» auf die Strasse und lässt sich auch nicht mehr vertreiben.

Wie erklärt sich der Widerspruch zwischen der «jugendlichen» Forderung nach mehr Ökologie und dem individuellen, unökologischen Verhalten?

Wir Menschen wollen gerne, dass sich alles ändert – so lange es dann doch mehrheitlich so bleibt, wie wir es gewohnt sind. Die ökologische Frage hat mittlerweile aber ein solch riesiges Ausmass, dass kleine Taten wie Mülltrennung und Biogemüse nicht mehr genügen. Beides kenne ich aber und deswegen hätte ich gerne mehr davon – aber nicht unbedingt den Hinweis, kein Fleisch mehr zu essen und meine Wohnfläche zu halbieren. Je stärker eine ökologische Politik unsere Gewohnheiten verändert, umso stärker werden die Widerstände. Es sei denn, eine Krise zwingt zur Veränderung oder die Änderung verspricht eine bessere und interessantere Zukunft mit mehr Sinnhaftigkeit.

Sie beschäftigen sich auch mit neuen Formen des Wachstums. Was muss man sich darunter vorstellen?

Wenn ich von neuen Formen des Wachstums spreche, dann meine ich Wachstum in sozialen und ökologischen Werten. Die Ökonomie muss in deren Diensten stehen, ansonsten ist sie reine Chrematistik, wie Aristoteles meinte. Neue Formen des Wachstums bedeuten das Ende der Fixierung auf quantitatives Wachstum und mithin den Abschied von Kennzahlen wie dem BIP.

Wie wirken sich diese Wachstumsformen auf Unternehmensstrategien und Geschäftsmodelle aus?

Unternehmen können durchaus quantitativ wachsen. Vor allem, wenn sie andere vom Markt verdrängen, indem sie nachhaltigere, ressourcenleichtere und sozialen Mehrwert schaffende Leistungen anbieten. Generell bedeutet dies eine grundlegende strategische Neuausrichtung weg vom reinen Business-Case-Denken. Es stellt sich neu die Frage, wie sich unternehmerisch – also mit den Mitteln des Marktes und unter persönlichem oder organisatorischem Risiko – sozialer und ökologischer Mehrwert schaffen lässt.

Wie stehen die Chancen, dass der aktuelle Neo-Ökologie-Trend nachhaltig wird?

Die Frage nach der Zukunft des Planeten war noch nie so dringlich wie jetzt. Die Europäische Union setzt sich für einen Wandel ein, es wird rege diskutiert und es kommt etwas ins Rollen. So lange Menschen weiterhin weltweit auf die Strasse gehen, diesen Wandel bestärken und sich mit anderen Akteuren, vor allem der Zivilgesellschaft vernetzen, sollten die Chancen besser als 50 Prozent stehen. Meiner Meinung nach hat die «Fridays for Future»-Bewegung das Zeug, grösser zu werden als die «68er»-Bewegung.

Das vorliegende Interview ist eine gekürzte Version. Das gesamte Gespräch können Sie im Wealth Management Magazin Inspiration lesen.

Kurzbiografie Dr. André Reichel

Prof. Dr. André Reichel ist Professor für International Management & Sustainability an der International School of Management (ISM) in Stuttgart und einer der zentralen Vordenker für betriebswirtschaftliche Perspektiven auf die Postwachstumsökonomie.