Sprechen Sie Code?

Insights 06.05.2019
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Sprache ist der Urcode der menschlichen Kommunikation und macht den Menschen zu einem der erfolgreichsten Lebewesen auf der Erde. Doch haben wir aufgrund der Digitalisierung verlernt zu sprechen?

Wenn Sie sich unterhalten, eine E-Mail schreiben, Geld abheben, einkaufen oder im Internet surfen –immer sind sie mit dabei: Codes. Genetische Codes, Sprache, Schrift, Strichcodes, oder Programmcodes. Die Liste der unterschiedlichen Arten liesse sich beliebig fortsetzen.

Was Codes so wichtig macht? Egal, ob zwischenmenschliche Kommunikation oder digitalisierte Dienstleistung: Ohne den richtigen Schlüssel – den Code – kommen Sie nicht weiter. Codes in all ihren Variationen wirken sich als strukturierendes Element auf unsere soziale Ordnung aus.

Doch scheinen gewisse von ihnen diese Ordnung zurzeit mehr durcheinanderzubringen als sie zu gliedern. Schuld daran könnten die tiefgreifenden Veränderungen der Digitalisierung sein. Hinter ihnen verbergen sich Codes in Form von Programmiersprachen. Doch diese Sprachen gehören nicht zum Wortschatz der grossen Mehrheit.

Werden wir sprachlos?

Sind die fehlenden Sprachkenntnisse Grund dafür, dass heute Zukunftsängste den durch Digitalisierung erzielten Fortschritt zu überwiegen scheinen? «Der weitaus grösste Teil der Weltbevölkerung spricht nicht die Sprache, mit der über die Zukunft unserer Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt wird», stellt Miriam Meckel, Herausgeberin des deutschen Magazins WirtschaftsWoche, in einem Artikel fest. «Nur wer codieren kann, gehört unter den heutigen Massstäben zur alphabetisierten Bevölkerung», begründet sie ihre Aussage.

Eine erschreckende Feststellung, denn Sprache ist der Urcode der menschlichen Kommunikation. «Inspiración, inspiratio, ispirazione» – dank gleichem Alphabet und ähnlicher Phonetik kann man erahnen, dass es um Inspiration geht. Würden Sie bei «01001001 01101110 01110011 01110000 01101001 01110010 01100001 01110100 01101001 01101111 01101110» auch darauf kommen? So schreibt sich Inspiration im binären Code.

Ohne Kombination kein Verstehen

Droht uns aufgrund der Programmiersprachen also der Kontrollverlust über die wichtigste unserer Kommunikationsformen? Nun, Sprachen kann man lernen. So gesehen, könnte die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung tatsächlich durch den Erwerb zusätzlicher Sprachkenntnisse gelingen. Für besseres Verständnis wäre gegebenenfalls gesorgt. Doch welche Programmiersprache soll man lernen? Wikipedia listet alleine für die Anfangsbuchstaben A bis D über 100 Sprachen auf.

Diese Qual der Wahl ist symptomatisch für die digitale Transformation. Die Vielzahl der Möglichkeiten, die Komplexität und auch die Geschwindigkeit der digital getriebenen Veränderungen überfordern zahlreiche Menschen. Vielleicht auch selbstverschuldet, da man sich zu wenig mit ihr beschäftigt. Denn Digitalisierung ist noch nicht zwingend im Alltag angekommen. Trotz gewisser Ängste kann man sehr gut ohne Programmierkenntnisse und tieferes Verständnis leben.

Sollen wir trotzdem in die Sprachschule?

Codes sind der zentrale Schlüssel für den Zugang zu unserer analogen und immer mehr auch zur digitalen Welt. Damit einem die Teilnahme an letzterer nicht verwehrt bleibt, ist es notwendig, sich mehr als nur die Zugriffscodes auf Bankkonten und Onlinedienste zu merken. Wir kommen nicht drum herum, ein neues Alphabet zu lernen. Denn verlieren wir die Sprache, verlieren wir die Möglichkeit zu kommunizieren und zu partizipieren.