Zug fährt auf einer schmalen Eisenbahnstrecke entlang einer steilen Felswand über einer Flusslandschaft. Der Zug ist orange und bewegt sich auf einer Holzbrücke, während sich rechts ein grünes Tal mit Bäumen und einem Fluss unter blauem Himmel erstreckt.
Insights | Geopolitik

Schwellenländer: Der Zug ist abgefahren – darauf aufzuspringen ist weiterhin möglich

Publiziert am 08.05.2026 MESZ

Viele Anleger verbinden Schwellenländer mit einem über Jahrzehnte geprägten Image: stark zyklisch, abhängig von der Nachfrage aus dem Westen, politisch fragil und anfällig bei einem starken US‑Dollar. Jüngste Entwicklungen zeichnen jedoch ein anderes Bild.

Key takeaways

Im vergangenen Jahr sahen sich Schwellenländer gleich zwei globalen Belastungsfaktoren ausgesetzt: einer deutlichen Verschärfung der Handelskonflikte sowie massiven Verwerfungen an den internationalen Energiemärkten. Früher hätten solche Ereignisse meist deutliche Rückschläge zur Folge gehabt. Diesmal zeigte sich jedoch ein anderes Muster: Aktien und Anleihen aus Schwellenländern erwiesen sich als überraschend widerstandsfähig – teils sogar stärker als die Märkte der Industrieländer.

Wir sehen darin kein temporäres Phänomen, sondern das Ergebnis eines strukturellen Wandels, der sich seit über einem Jahrzehnt abzeichnet.

Warum diesmal vieles anders ist

Im Vergleich zu früheren Marktzyklen stehen viele Schwellenländer heute auf einem stabileren Fundament. Die Fiskaldisziplin wurde verbessert, die Notenbanken haben an Glaubwürdigkeit gewonnen und die lokalen Finanzmärkte sind deutlich tiefer und belastbarer geworden.

Gleichzeitig hat die Abhängigkeit vom Konsum westlicher Volkswirtschaften abgenommen. Der Handel zwischen den Schwellenländern ist stark gewachsen und die Binnennachfrage trägt wesentlich mehr zum Wirtschaftswachstum bei.

Für Anleger ist das von entscheidender Bedeutung, denn es verändert den Diversifikationsnutzen. Früher entwickelten sich Schwellenländer in Stressphasen oft parallel zu den Industrieländern. Heute werden ihre Wachstumstreiber jedoch zunehmend eigenständiger.

Hinzu kommt, dass die Dominanz der USA an den Kapitalmärkten zunehmend hinterfragt wird. Die starke Konzentration auf wenige Titel und Themen hat viele Portfolios abhängig gemacht. Hier können Schwellenländer alternative Wachstumsquellen bieten.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Aufstieg der Mittelschicht. In Ländern wie China, Brasilien oder Mexiko gewinnen private Konsumenten zunehmend an Bedeutung. Der Konsum verlagert sich dabei zunehmend in Richtung hochwertiger Dienstleistungen, Erlebnisse und Premiumprodukte.

Insgesamt werden Schwellenländer dadurch widerstandsfähiger, breiter aufgestellt und langfristig attraktiver.

Eine Anlageklasse – verschiedene Entwicklungen

Schwellenländer können nicht als ein homogener Block betrachtet werden. Die einzelnen Länder profitieren von unterschiedlichen strukturellen Trends.

Weltkarte mit hervorgehobenen Regionen: Lateinamerika in Grüntönen mit markierten Ländern Mexiko und Brasilien sowie Asien mit China in Rosa und Indien in Dunkelgrau. Gestrichelte Kreise heben die Regionen hervor.
Quelle: Vontobel

China befindet sich weiterhin in einer komplexen Übergangsphase. Deflationstendenzen (sinkender Preisdruck) und eine gedämpfte Konsumlaune belasten das Gesamtbild. Gleichzeitig entwickeln sich einzelne Sektoren deutlich besser: Premiumkonsum, Reisen, Outdoor-Aktivitäten sowie erlebnisorientierte Ausgaben bleiben robuste Wachstumstreiber. Zudem baut China konsequent ein eigenes KI- und Technologie-Ökosystem auf.

Indien bietet weiterhin erhebliches langfristiges Wachstumspotenzial. Kurzfristig könnten jedoch steigende Energiepreise für Gegenwind sorgen. Nach einer Phase sehr hoher Bewertungen erscheinen indische Aktien heute fairer bewertet, sie bleiben aber anfällig, etwa wenn höhere Ölpreise die Margen und den Konsum belasten sollten.

Lateinamerika zählt aktuell zu den stärksten Regionen. Brasilien sticht besonders hervor – dank sinkender Zinsen, attraktiver Bewertungen sowie seiner Rolle als Rohstoff- und Energieexporteur. Auch Mexiko profitiert von Near-Shoring-Trends und der engen wirtschaftlichen Verflechtung mit den USA.

Für Anleger werden damit Länder- und Titelselektion entscheidender. Die interessantesten Chancen entstehen dort, wo Unternehmen gezielt von langfristigen strukturellen Entwicklungen profitieren.

Drei zentrale Anlagethemen

Wir sehen drei übergreifende Themen, die das Anlageuniversum der Schwellenländer nachhaltig prägen dürften.

Infrastruktur für künstliche Intelligenz

Die globalen Investitionen in KI-Infrastruktur wachsen stark. Dies treibt die Nachfrage nach Halbleitern, Speicherlösungen, Servern und Rechenzentrumstechnologie. Taiwan und Südkorea spielen dabei dank ihrer führenden Positionen in der Halbleiterproduktion eine Schlüsselrolle.

Die Chancen reichen jedoch über Chip-Hersteller hinaus. Auch Unternehmen aus den Bereichen Strominfrastruktur, Netzausrüstung, Kühlung und Rechenzentrumsbau profitieren von diesem Trend.

Energiesicherheit

Geopolitische Spannungen haben die Bedeutung stabiler und diversifizierter Energiesysteme erneut in den Fokus gerückt. Investitionen in Elektromobilität, erneuerbare Energien, Batteriespeicherung und Energieinfrastruktur nehmen zu.

Viele Schwellenländer sind zentrale Lieferanten kritischer Rohstoffe wie Kupfer, Lithium oder Aluminium, die für die Elektrifizierung und die Energiewende unverzichtbar sind.

Verbesserte Unternehmensführung

In mehreren Schwellenländern fördern Regierungen und Aufsichtsbehörden Reformen zur Stärkung der Aktionärsrechte und der Kapitaldisziplin. In Teilen Südostasiens sowie in Südkorea und China rücken Profitabilität, Kapitalallokation, Dividenden und Aktienrückkäufe stärker in den Fokus.

Eine bessere Unternehmensführung kann dabei helfen, die oft historisch bestehende Bewertungsdifferenz zu Industrieländern zu verringern.

Implikationen im Anlagekontext

Derzeit sehen wir die attraktivsten Chancen weniger in breiten Länderengagements als vielmehr bei Unternehmen, die klar von strukturellen Wachstumsthemen profitieren.

In Asien favorisieren wir weiterhin Titel aus dem Umfeld der KI-Infrastruktur und der Halbleiter-Wertschöpfung, insbesondere in Taiwan und Südkorea. Auch Unternehmen aus den Bereichen Stromnetze, Elektrifizierung und Rechenzentrumsinvestitionen erscheinen interessant.

Brasilien bleibt aufgrund der unterstützenden Geldpolitik, der Rohstoffexponierung und der attraktiven Bewertungen ein interessantes Land.

Mexiko profitiert weiterhin von Near-Shoring, also der Verlagerung von Produktionsstandorten näher an den US‑Markt, und einer stabilen Binnenwirtschaft.

Indien bietet langfristig weiterhin Potenzial, erfordert jedoch kurzfristig eine selektive Herangehensweise angesichts möglicher Belastungen durch höhere Energiepreise.

Sinnvoll zur Diversifikation

Die zentrale Erkenntnis ist eindeutig: Schwellenländer sind heute weitaus mehr als nur eine Wette auf den globalen Handel oder Rohstoffzyklen. Viele Volkswirtschaften sind robuster aufgestellt, verfügen über stärkere Institutionen und sind in einigen der wichtigsten Zukunftsindustrien weltweit führend.

Für langfristig orientierte Anleger kann dies eine Neubewertung der Rolle von Schwellenländern im Portfolio rechtfertigen. Das Risiko für viele Investoren besteht heute weniger darin, zu stark engagiert zu sein, sondern eher darin, unterinvestiert zu bleiben.

Gleichzeitig gilt: Anlagen in Schwellenländern sind mit erhöhten Risiken verbunden. Dazu zählen stärkere Kursschwankungen, Währungsbewegungen, politische und regulatorische Veränderungen, geringere Liquidität sowie teils unterschiedliche Standards bei Unternehmensführung und Anlegerschutz. Geopolitische Spannungen und Sanktionen können sowohl den Wert von Anlagen als auch den Zugang beeinflussen. Die beschriebenen strukturellen Trends sind langfristiger Natur und können durch solche Entwicklungen beeinträchtigt werden.

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Publiziert am 08.05.2026 MESZ

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