Corona zwingt uns zum Experimentieren

Insights , Coronavirus , Nachhaltige Wertschöpfung
05.05.2020 Lesezeit: 4 Minute(n)

Experimentieren birgt grosse Chancen für effizientere Abläufe in Unternehmen. Ein Essay von Prof. Björn Bartling

Die wirtschaftlichen Kosten des Corona-Lockdowns sind gewaltig. Doch es bieten sich auch Chancen, denn wir sind alle gezwungen zu experimentieren. Viele der «Notlösungen» werden sich als vorteilhaft herausstellen.

Sie sehen eine Porträtaufnahme von Prof. Björn Bartling vor hellgrauem Hintergrund.

Seine Forschungsschwerpunkte sind Verhaltensökonomie und experimentelle Wirtschaftsforschung: Prof. Björn Bartiling, seit 2016 ordentlicher Professor der Universität Zürich. ©  Universität Zürich

Menschen sind Gewohnheitstiere. Schon auf dem Weg zur Arbeit folgen wir festen Abläufen. Wie im Autopilot steigen wir in das Tram, den Bus oder die U-Bahn – neuerdings vielleicht mit Gesichtsmaske. Doch wann haben wir das letzte Mal über die optimale Route nachgedacht? Die verhaltensökonomische Forschung zeigt: das sollten viele von uns öfter tun.

Bruch mit Routinen

Ein Team von Ökonomen der Universitäten Oxford und Cambridge und des Internationalen Währungsfonds hat einen Streik der Londoner U-Bahn-Mitarbeiter im Jahre 2014 genauer analysiert: Welche Auswirkung hatte der Ausstand auf die Pendeldauer nach Beendigung des Streiks?[1] Der damalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson bezeichnete den Streik als «verrückt und zwecklos» [mad and pointless]. Der überraschende Befund der Studie: zwecklos war er nicht. Die Forscher fanden heraus, dass etwa fünf Prozent der U-Bahn-Nutzer vor dem Streik auf suboptimalen Routen unterwegs waren. Durch die temporäre Schliessung von Stationen und Linien waren alle gezwungen mit neuen Verbindungen zu experimentieren. So fanden viele Pendler schnellere Wege: die Effizienz des Netzwerks war erhöht.

«Suboptimale Gewohnheiten prägen unseren Arbeitsalltag in vielfältiger Weise.»

Die Organisationsstrukturen in vielen Unternehmen sind deutlich komplexer als das Finden der schnellsten Verbindung von Putney Bridge nach Camden Town. Es darf also angenommen werden, dass suboptimale Gewohnheiten unseren Arbeitsalltag in noch vielfältigerer Weise prägen. Der erzwungene Bruch mit Routinen und das Experimentieren mit neuen Wegen verspricht die Effizienz von Ablaufen zu erhöhen – ganz wie im Beispiel des Londoner Tube-Streiks.

Neue Gleichgewichte

Soziale Normen prägen die Geschäftskultur in noch persistenterer Art und Weise als unreflektierte Gewohnheiten. Der menschliche Hang zu Konformität macht Normen zu stabilen Gleichgewichten. Das Corona-Virus zwingt auch hier zum Bruch. Statt des selbstverständlichen Tagestrips mit dem Flugzeug zum Business Partner findet nun eine Video-Konferenz statt. Galt es vor Corona als Affront nicht persönlich vor Ort zu erscheinen, bedarf es während des Lockdowns keiner Rechtfertigung. Und vielleicht stellt sich heraus: das erzwungene Experiment mit dem virtuellen Treffen klappt besser als gedacht. Es spart zudem Kosten und ist ökologisch nachhaltiger. Ein neues Gleichgewicht stellt sich ein: nach Corona bedarf es einer Rechtfertigung einen solchen Trip antreten zu wollen.

  

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Gleiches gilt für die Präsenzkultur. Musste man früher Nachteile fürchten von der Norm der ständigen Präsenz abzuweichen, so ist das Homeoffice die neue Normalität. Noch vor zwei Monaten hätten Mitarbeiter im besten Fall ein verständnisloses Kopfschütteln geerntet, hätten sie das Experiment vorgeschlagen, für eine gewisse Zeit grosse Teile der Belegschaft im wöchentlichen Wechsel von zuhause aus arbeiten zu lassen. Jetzt stellt sich heraus, dass dies häufig sehr gut funktioniert. Und es schont immense Ressourcen: Zeit, Raum an teuren Lagen, öffentliche Infrastruktur, Energie.

Positive Nebenwirkungen

Der Erkenntnisgewinn in der Verhaltensökonomie ist durch systematisches und kontrolliertes Experimentieren getrieben. In der Business-Welt hat sich diese Methode noch nicht überall durchgesetzt – obgleich es keiner Krise als Anlass bedarf.

Im Fall des Londoner U-Bahn-Streiks fanden die Forscher übrigens, dass die langfristige Zeitersparnis für einige Pendler den Zeitverlust aller während der Dauer des Streiks überwog. Ob wir einmal mit ähnlichem Fazit auf die Corona-Krise zurückblicken können, wird sich zeigen. Aber fest steht: durch den Bruch mit Gewohnheiten und Normen und dem Zwang zum Experimentieren wird das Virus positive Nebenwirkungen haben. Denn von all dem, was jetzt erzwungen ist, wird das als vorteilhaft Erkannte später auch ohne Zwang bestehen bleiben.

«Die Anzahl der Geschäftsreisen wird dauerhaft niedriger bleiben.»

Meetings werden öfter virtuell sein, so dass die Diskussion—von nonverbalen Komponenten weitgehend befreit—fokussierter ist. Homeoffice wird für viele Menschen Teil einer normalen Arbeitswoche werden. Unternehmen werden digitaler, effizienter und nachhaltiger werden. 

Memento Mori

Und die Konsumenten? Verzicht oder Online Shopping waren in den letzten Wochen die Alternativen. Auch hier wird die massive temporäre Verlagerung ins Internet eine permanente Verschiebung ins Digitale bewirken. Viel spannender aber ist die Frage nach noch fundamentaleren Umbrüchen, bewirkt durch die ungewohnte Verzichtserfahrung der Überflussgesellschaft. Vorstellbar sind ganz unterschiedliche Szenarien.

Besinnung auf das Wesentliche, die Erkenntnis, dass es Vieles nicht braucht, und die konkrete Erfahrung positiver Seiten verringerter wirtschaftlicher Aktivität: weniger Lärm, reinere Luft, mehr Zeit. Diese geradezu kathartische Erfahrung kann zur Abkehr vom Materiellen führen. Schnelle Modezyklen? Ein Stressfaktor. Die neue Luxus-Handtasche? Wenn wir ehrlich sind: macht niemanden glücklich. Käufliche Statussymbole? Peinlich. Doch auch das Gegenteil ist denkbar. Die mediale Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit mag manchen zum Schluss kommen lassen: Carpe diem. Sparen oder Verzicht? Wozu, wenn schon morgen das nächste Virus zuschlagen kann? Noch ungehemmterer Konsum und Fokus auf die Gegenwart wären die Folge.

Das Szenario, dass nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Konsumenten nachhaltiger werden, erscheint nicht abwegig. Vielleicht ist diese Einschätzung aber nur frommes Wunschdenken.



Zitierte Literatur:

[1] Shaun Larcom, Ferdinand Rauch und Tim Willems: The Benefits of Forced Experimentation: Striking Evidence from the London Underground Network, in: «Quarterly Journal of Economics», 2017, Vol. 132, Seiten 2019–2055.



Über den Autor:

Björn Bartling studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der London School of Economics and Political Science und ist seit 2016 ordentlicher Professor für Verhaltensökonomie und experimentelle Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich. Seine Forschungsbeiträge wurden in den international führenden Zeitschriften für Volkswirtschaftslehre veröffentlicht, wie der «American Economic Review»,  dem «Quarterly Journal of Economics» und «Econometrica». Professor Bartling ist Mitherausgeber beim «Journal of the European Economic Association» und «Management Science».

  

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Wer sind wir? Wie leben wir heute? Und wie wird das Coronavirus unser Leben verändern? Die Frage nach der Zukunft bewegt die Gesellschaft mehr denn je. Antworten suchen Ingenieure, Mediziner, Politiker und jeder einzelne von uns. Der Essay «Corona zwingt uns zum Experimentieren» ist einer von zahlreichen Beiträgen, die das «Leben nach Corona» aus einem neuen, inspirierenden Blickwinkel beleuchten. Wir publizieren ihn hier als Teil unserer Serie «Impact».

  

 

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